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(GZ-24-2017) 
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 ► digina Konferenz in München:

 

Digital vorsorgen – jetzt!

 

Insgesamt 22 Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen drehten sich am 16. November 2017 in München um das digitale Leben, den digitalen Nachlass und das digitale Nachleben. Was passiert mit unseren Daten, Profilen, Abos und Kundenkonten im Netz, wenn wir nicht mehr da sind? Welche Richtlinien brauchen wir im globalen Umfeld, wie können wir schon zu Lebzeiten vorsorgen, was ist im Rahmen der digitalen Trauerkultur erlaubt – und was nicht? Eine komplexe Fragestellung, die sowohl die Politik, Justiz und Wirtschaft betrifft, als auch die Gesellschaft und jeden einzelnen von uns.

Das Internet stellt eine Art digitales Tagebuch dar – davon sprachen viele Redner auf der digina. Daten-Giganten wie Google und Facebook wüssten bereits jetzt mehr von einer Person, als deren engste Angehörige. Wir leben im Zeitalter der digitalen Narzissten, wie es Online-Publizist Michael Praetorius bezeichnet. Er zählt sich selbst dazu und stellt sich die Frage: „Soll ich auch nach meinem Tod noch wie ein Leuchtturm auf Instagram leuchten? Ist das nicht der Gipfel des Narzissmus?“

Appell an die Gesetzgebung und die Familien

Vielen Usern ist ihr digitales Selbst nicht bewusst. Sie hinterlassen ihren Liebsten eine große Last der Verantwortung. Diese müssen nachträglich entscheiden, welche Daten wichtig sind und welche nicht, entdecken möglicherweise gut gehütete Geheimnisse oder kommen rechtlich gar nicht an die Daten heran. Stolpersteine wohin man blickt. Aber schon zu Lebzeiten Vorsorge zu treffen, ist äußerst schwierig, denn eine allgemeingültige Lösung gibt es nicht.

Wo und wie können wir damit beginnen, unser digitales Leben aufzuräumen? Als Antwort wurden zwei Forderungen auf der digina deutlich: Zum einen braucht es dringend eine aktuelle Gesetzeslage. Zum anderen muss das Thema aktiv in den Familien besprochen werden. Immer verbunden mit der Frage, wem wir welche Daten anvertrauen und wie die Erben im Todesfall vertrauensvoll damit umgehen sollen.

Richter ohne Entscheidungsgrundlage

Viele Beispiele wurden auf der digina aufgezählt, in denen die Rechtslage den Ereignissen stark hinterherhinkt. So auch bei der Podiumsdiskussion mit Betroffenen und Vorsorgenden. Im Fall von Krankenschwester Daniela Caruso ging es um das unrechtmäßige „Knacken“ des Handys ihrer verstorbenen Tochter, um einen entscheidenden Anruf kurz vor ihrem Tod zu identifizieren.

Bei Journalist Richard Gutjahr ging es um einen Image-Streitfall: „Die Richter wissen teilweise gar nicht, worüber sie urteilen sollen und erkennen die Tragweite nicht. Wenn mich jemand im Netz beschimpft und bedroht, vor einem Millionenpublikum, kostet das momentan weniger Strafe, als wenn es auf offener Straße passiert und es nur zwei Passanten mitbekommen.“ Rechtsanwältin Christiane Warnke, Kanzlei Warnke Rechtsanwälte, erklärt: „Der Gesetzgeber ist gefordert, die Gesetzgebung an die veränderten Zeiten anzupassen. Allein das Wort Telekommunikationsgesetz passt heute nicht mehr zum aktuellen Stand der Digitalisierung.“

Digitaler Nachlass – eine Querschnittsdisziplin

„Der digitale Nachlass ist so vielfältig wie jeder einzelne von uns und die Angebote im Internet“, fasste Dr. Christopher Eiler vom Online-Nachlassdienst Columba in der zweiten Diskussionsrunde zusammen. Gemeinsam mit Anja Schöne von der LV 1871, Sandra Bührke von der HypoVereinsbank, und Oliver Wirthmann vom Kuratorium Deutsche Bestattungskultur ging es um die Rolle der Banken, Versicherungen und Bestattungsunternehmen. Es wurde allerdings klar, dass das Thema viel zu komplex ist, um ausschließlich von einer Branche bearbeitet zu werden.

Diese Vielfalt und Komplexität zeigte sich auch in den weiteren Vortragsthemen: Katja Bröckl-Bergner aus der digitalen Medienbildung eröffnete mit einem Wissensquiz, Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale Bayern gab Tipps für die Praxis und was passiert, wenn nichts geregelt ist, führte Werner Mantl von der Stadtsparkasse München vor Augen. SPD-Abgeordnete Diana Stachowitz wies auf die politischen Herausforderungen hin und Archäologin Dr. Anne Klammt blickte auf die Digitalisierung unseres kulturellen Erbes in der Gesamtheit.

Auch spezifische Informationen für Unternehmer kamen nicht zu kurz: Trauerkultur-Beraterin Birgit Aurelia Janetzky zeigte, wie man in der Marktlücke erfolgreich sein kann und PR-Profi Daniela Heggmeier, wie man mit sensiblen Themen kommunikativ umgeht. Impulse für technische Lösungen gaben beispielsweise Dominik Schön von CodeCamp:N, Google-Projektmanager Jan Hannemann sowie GMX-Gründer und klartext@unverschlüsselt-Blogger Karsten Schramm. Auch der Einfluss der digitalen Dimension auf unsere Gesellschaft wurde diskutiert: AI-Fachfrau Agnieszka M. Walorska öffnete den Blick für Gespräche mit Verstorbenen, und während es bei den Soziologen Thorsten Benkel und Matthias Meitzler um die parasoziale Kommunikation ging, sah Pfarrer Dr. Rainer Liepold eine große Verantwortung auf Seiten der Kirche.

Aus der Nische zum Massenthema

„Durch unsere Arbeit am Infoportal digital-danach.de sind wir in den letzten Jahren mit so vielen Menschen aus unterschiedlichen Branchen zusammengekommen, die im Grunde ähnliche Fragen hatten. Das Bemerkenswerte daran war: Sie hatten keinerlei Plattform, um sich dazu auszutauschen und ihren Wissensstand gemeinsam weiterzuentwickeln. Das wollten wir ändern“, erklären Sabine Landes und Dennis Schmolk, Gründer der digina 2016 in Hamburg.

Verantwortungsbewusste Verwaltung

Dass sie bereits im zweiten Durchlauf 2017 in München so viele Experten als Referenten gewinnen konnten und mehr als doppelt so viele Teilnehmer, macht sie stolz und zuversichtlich für die Zukunft. „Wer an den digitalen Nachlass denkt, denkt im ersten Moment an sein Lebensende. Doch das ist falsch: Es geht vielmehr darum, mein digitales Handeln schon im Jetzt als feste Dimension des eigenen Lebens zu begreifen“, unterstreicht Co-Veranstalter Mario C.G. Juhnke. „Wenn wir das verstanden haben, geht es im Prinzip nur noch um die verantwortungsbewusste und alltagstaugliche Verwaltung. Aber genau da hakt es noch: Uns fehlen übergeordnete Richtlinien und technische Lösungen. Weltweit wohlbemerkt!“

Eine für alle und alle für eine

Die Frage, wie wir unsere Daten am besten organisieren, archivieren und schützen können, betrifft durchweg alle Branchen. „Einerseits brauchen wir klare Regelungen von oben, andererseits starke Ideen von unten“, so Mitveranstalter Alexander Pinker. „Wir haben deshalb im Vorfeld der digina auch ganz gezielt versucht, die Start-up-Szene zu aktivieren und den Gründergeist zu wecken. Eine Aufgabe, die sicherlich noch die nächsten Jahre auf uns wartet.“

Fehlender grenzübergreifender technischer Standard

Wie schnell etablierte Unternehmen und Online-Giganten nachziehen, wird die Nachfrage zeigen. „Google und Facebook haben bereits eigenständige Lösungen entwickelt. Aber wie vertrauenswürdig sind sie? Und will ich wirklich bei jedem einzelnen Anbieter ein anderes Verfahren haben?“ fragt David Sporer, IT-Beauftragter im digina-Team. „Ohne einen grenzübergreifenden technischen Standard geht es meiner Meinung nach nicht. Und den kann es auch nur von einem unabhängigen Konsortium geben.“ Doch ganz gleich, welche Lösung oder Lösungen es einmal geben wird, bleibt die grundlegende Frage jene nach dem Vertrauen. Denn das müssen wir in die Zukunft, in die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, in uns selbst und in unsere Angehörigen haben. Vertrauen ist schließlich das wertvollste Gut, das wir nach dem Tod hinterlassen.

RED

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