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(GZ-12-2017)
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► Hochkarätige Podiumsdiskussion:
 
Vorfahrt für die Wasserkraft!
 

Vorfahrt

Georg Loy, VERBUND-Innenkraftwerke GmbH

Im Rahmen einer von GZ-Verlegerin Anne-Marie von Hassel moderierten Podiumsdiskussion mit den Teilnehmern Ministerialrat Gregor Overhoff (Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz), Dr. Albrecht Schleich (RMD AG), Prof. Dr.-Ing. Frank Pöhler (BEW GmbH), Detlef Fischer (VBEW e.V.) und Dipl.-Ing. Johannes Schnell (Landesfischereiverband Bayern) wurden Ausbaumöglichkeiten und ökologische Werthaltigkeit der grundlastfähigen, CO2-freien und im Höchstmaß nachhaltigen Energiequelle erörtert. Daneben spielten die Themen Natur-, Klima- und Umweltschutz sowie das kommunikative Umfeld eine wichtige Rolle. 

"Bayern ist das Wasserkraftland Nummer eins in Deutschland“, konstatierte Ministerialrat Gregor Overhoff (Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz). Knapp 60 Prozent der Wasserkraftanlagen Deutschlands befinden sich im Freistaat. Rund 14 Prozent des gesamten Stroms werden dort von etwa 4.200 Wasserkraftanlagen erzeugt. Unter den erneuerbaren Energien in Bayern nimmt die Wasserkraft mit Abstand die Top-Position ein, gefolgt von Photovoltaik und Biomasse. Das Land konnte sich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts ausschließlich mit heimischem Wasserkraftstrom versorgen. „Wasserkraft ist ein unverzichtbarer Baustein im Energiemix“, so Overhoff.

 Ökonomie und Ökologie sind keine Gegensätze

Bereits 2006 habe die Bayerische Staatsregierung mit den großen Wasserkraftbetreibern eine Vereinbarung über Eckpunkte der nachhaltigen Wasserkraftnutzung geschlossen. Dieses Konzept diene insbesondere der kohärenten Umsetzung einer mit den unterschiedlichen Zielen und Belangen der Wasserwirtschaft, des Naturschutzes sowie der bayerischen Klimaschutz- und Energiepolitik abgestimmten nachhaltigen Wasserkraftnutzung, soweit es den Bau und Betrieb von Wasserkraftanlagen betrifft. Auch diejenigen, die der Wasserkraft skeptisch gegenüberstehen, könnten nicht verhehlen, „dass hier gute Dinge entstanden sind“, so Overhoff. Es habe sich gezeigt: Ökonomie und Ökologie müssen keine Gegensätze sein.

Sein Ministerium habe nach der Fukushima-Katastrophe einen 10-Punkte-Fahrplan für eine ökologische und naturverträgliche Wasserkraftnutzung vorgelegt. Demnach soll bis zum Jahr 2021 die Wasserkraft rund 17 % des bayerischen Stromverbrauchs decken. Dazu sollen die noch vorhandenen Potenziale zur Wasserkraftnutzung verstärkt genutzt und umweltverträglich ausgebaut werden.

Anhand von Pilotanlagen soll laut Overhoff der Nachweis erbracht werden, dass fischverträglichere Technik möglich ist. Bedauerlicherweise sei die Umsetzung verbunden mit einem deutlichen Zeitverzug sowie zahlreichen Widerständen vor Ort, die man so nicht erwartet habe.

„Tatsache ist: Die Energiewende hängt“, betonte Dr. Albrecht Schleich (RMD AG). Es stellten sich Fragen nach der Zuverlässigkeit der Energieversorgung und der Wirtschaftlichkeit. In diesem Zusammenhang forderte Schleich die Politik auf, „einen konzentrierten Blick“ auf die Wasserkraft als importunabhängige, zuverlässige, flexible und steuerbare Energiequelle zu werfen.

Bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien (Brutto-Stromerzeugung) im Freistaat leiste die Wasserkraft mit über 30 Prozent den Spitzenanteil. Diese Zahl erwecke jedoch einen „viel zu geringen Eindruck“ von der Bedeutung dieser wertvollen Energiequelle, unterstrich Schleich, der auch darauf hinwies, dass aktuell drei Viertel der Wasserkraftstromerzeugung aus Bayern nicht EEG-gefördert ist. Die aktuellen Vergütungssätze im EEG reichten nicht aus, um die Forderungen der ökologischen Durchgängigkeit (z.B. Fischtreppen) umzusetzen. „Wir als überzeugte Vertreter der Wasserkraft sind deshalb jetzt unterwegs, Werbung für dieses Juwel im Energiemix zu machen“, betonte der RMD-Vorstand. Der Politik im fernen Berlin müsse klargemacht werden, „dass 80 Prozent der bundesweit installierten Wasserkraftleistung zwar in Bayern und Baden-Württemberg anzutreffen sind, diese Bundesländer somit aber einen nicht unerheblichen Beitrag für das energetische Gesamtsystem leisten“.

„Es gibt derzeit leider keine Stromerzeugungsform ohne negative Begleiterscheinungen, weder bei den neuen regenerativen Energien wie z.B. Wind und Photovoltaik, noch bei der traditionellen Wasserkraft“, machte Schleich deutlich. Um diese Begleiteffekte, die sich vor allem in der Beeinträchtigung der Durchgängigkeit der Flüsse zeigt, zu minimieren, investierten die Wasserkraftunternehmen kontinuierlich Millionensummen, um die ökologische Durchgängigkeit der bayerischen Flüsse herzustellen. Sie folgten damit den Vorgaben der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) und des Deutschen Wasserhaushaltsgesetzes (WHG).

Zu den ökologischen Verbesserungsmaßnahmen zählten der Bau von Fischtreppen und Umgehungsgewässern, die Anlage fischfreundlicher Gewässerzonen innerhalb der Stauhaltungen, die Schaffung neuer Laichplätze und Lebensräume für Flora und Fauna in den Flusslandschaften sowie die Stabilisierung der Grundwasserstände. So hätten sich im Rahmen der Wasserkraftnutzung an den Flussläufen wertvolle Erholungsräume für die Menschen und bedeutende Lebensräume für Tiere und Pflanzen sowie wertvolle Revitalisierungsräume in Auenlandschaften gebildet.

Kontakt zu den einzelnen Stakeholdern aufrechterhalten 

Prof. Dr. Frank Pöhler (BEW GmbH) zufolge „leben wir in einer Gesellschaft, in der verschiedene Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen“. Unbedingt erforderlich sei es, den Draht zu den einzelnen Stakeholdern nicht zu verlieren. Es gelte, Interessenskonflikten rechtzeitig zu begegnen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Pöhler vertrat die Überzeugung, „dass nur ein Mehr an Miteinander uns weiterbringt und nicht ewige Streitereien“.

Aus energiewirtschaftlicher Sicht (Ausbau der erneuerbaren Energieträger bei gleichzeitiger Abnahme der konventionellen Kraftwerksleistung) werden mittelfristig Speicherkapazitäten im Netz zunehmend erforderlich. Pumpspeicherkraftwerke (PSK) sind laut Pöhler derzeit die alleinige, halbwegs bezahlbare groß- technische Speicheroption. Sie stellten ideale Partner für eine wirtschaftliche Gestaltung der Energiewende dar. In Deutschland gibt es aktuell 30 Pumpspeicherkraftwerke mit einer Kapazität von rund 40 GWh Stromspeicher. Diese Technologie, die einen hohen Beitrag zur Netzstabilisierung leiste, müsse weiterentwickelt werden.

Zwar seien Standorte vorhanden, wo PSK zugebaut werden könnten, jedoch fehlen aus Sicht des BEW-Geschäftsführers Investitionsanreize. Hinzu kämen örtliche Ressentiments aufgrund von Eingriffen in die Landschaft.

Auf dem Vormarsch seien Batteriespeicher, „doch auch die gibt es nicht zum Nulltarif“, bemerkte Pöhler. Gleiches gelte für die Elektromobilität, auf die weltweit große Hoffnungen gesetzt werden. „Würden wir jetzt alle aufgelegten Programme umsetzen, kämen wir sehr schnell an Grenzen der Verfügbarkeit“, so der Professor. E-Mobility löse jedenfalls das Speicherproblem nicht.

„Wir versuchen, mit der Wasserkraft partnerschaftlich zusammenzuarbeiten“, hob Dipl.-Ing. Johannes Schnell (Landesfischereiverband Bayern), hervor. Dass unterschiedliche Interessen im Dialog sehr wohl in Einklang zu bringen sind, zeige die Illerstrategie 2020, deren Ziel es ist, die Gewässerökologie gemeinsam mit der Stromerzeugung aus Wasserkraft zu verbessern.

Die Bayerischen Elektrizitätswerke und ansässige Fischereivereine entwickelten hierzu ein Fischschutzkonzept mit einem wohl europaweit einzigartigen Fischzählbecken.

Auch Landesfischereiverband und VBEW hätten regelmäßig Kontakt, um Fragestellungen zu beraten und gemeinsam lösungsorientierte Ansätze für bestimmte Probleme zu finden, erklärte der stellvertretende Geschäftsführer. „Hier sind wir auf einem ganz guten Weg. Was uns allerdings stört, ist die fehlende Kommunikation in einigen Bereichen“, räumte Schnell ein. Gerade im Kleinwasserkraftsektor herrsche bei Neu- oder Umbaumaß- nahmen „wenig Transparenz“. Nicht selten erfahre man auf Umwegen von Vorhaben, die aus naturschutzfachlicher oder fisch- ökologischer Sicht kritisch zu sehen sind. „Deshalb unser Angebot: Je frühzeitiger man die organisierte Fischerei miteinbindet, umso weniger Widerstände gibt es später und die Rechtskeule muss nicht geschwungen werden.“

„Mehr Fokus auf Bestandsanlagen“ lautete ein weiterer Wunsch des LFV Bayern-Repräsentanten. Hier müsse Wissen generiert werden. Dies sei auch der Tenor beim „Forum Fischschutz und Fischabstieg“ tags zuvor in Dessau gewesen, wo dem Wunsch nach fachlicher Vertiefung Rechnung getragen wurde.

„Eigentlich sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Energiewende perfekt“, hob Detlef Fischer (VBEW e.V.) hervor – Stichwort Investitionssicherheit über 20 Jahre. Deutschland sei aber dem Pariser Klimaabkommen beigetreten, „will heißen: Deutschland muss bis 2050 komplett klimaneutral wirtschaften.“ Vor diesem Hintergrund müsste die Energiewende „extrem beschleunigt werden“. Jegliches momentane Handeln sei zu hinterfragen, unterstrich der Geschäftsführer.

Immense Inanspruchnahme der Landschaft durch neue Erneuerbare Energiequellen 

Zweifellos, so Fischer an die Adresse der Naturschutzverbände gerichtet, bedeute dies „eine ungeahnte Dimension von Inanspruchnahme der Landschaft“. Und dies in einem Land wie Bayern, „wo in der Vergangenheit für die Energieversorgung wenig Raum und Fläche in Anspruch genommen werden musste“. Windräder, die derzeit weniger als 1 % des Endenergieverbrauches in Bayern decken, gebe es mittlerweile 1.200, viele davon in Oberfranken. „Wer wie ich hier aufgewachsen ist, erkennt die Landschaft nicht wieder, so Fischer. „Dies ist allerdings zu akzeptieren, wenn ich die Energiewende will.“

Die nicht-volatile Wasserkraft hingegen, die bedarfsgerecht zur Verfügung steht, sei hervorragend in die Landschaft integrierbar. Stoße man jedoch ein Pumpspeicherkraftwerks-Projekt wie jenes am oberbayerischen Jochberg an, „bekommt man es mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen zu tun“, stellte der VBEWRepräsentant fest. Diese unterschiedliche Bewertung von Landschaften sei nicht hinnehmbar. „Da habe ich in der Tat ein Problem mit unseren NGOs“, betonte Fischer.

Letztlich müsse jede Region im Freistaat ihren Beitrag zur Energiewende leisten. Schließlich habe die Staatsregierung ja auch die Energiewende „dahoam“ beschlossen, „das heißt Energiegewinnung komplett aus heimischer Fläche und Boden“. Mit Konsensdialog freilich werde dieses Ziel nicht zu erreichen sein, mutmaßte Fischer. 

RED

 

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