Aus den Kommunenzurück

(GZ-19-2017) 
Aus den Kommunen
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Die Not wird immer drängender
 

Mehr als 300 Menschen leben in Würzburg in einer städtischen Verfügungswohnung

Viel Gepäck hatte der Mann nicht. Mit der wenigen Habe, die er besaß, zog er an Weihnachten 2015 in eine Gartenlaube. Keine gute Unterkunft im kalten Winter. Die städtische Wohnungsnotfallhilfe erfuhr, wie der Mann hauste, und vermittelte ihm ein Zimmer in der Obdachlosenunterkunft Sedanstraße – was er auch akzeptierte. Sechs Monate lebte er dort. „Vor einem Jahr gelang ihm der Umzug in eine eigene Wohnung“, so Kilian Bundschuh von der Wohnungsnotfallhilfe.

Der Fall dieses Seniors ist für Bundschuh gleichzeitig typisch und untypisch. Typisch daran sei, dass es in Würzburg immer mehr ältere Menschen gibt, die keine Wohnung mehr haben. Von den 89 Bewohnern der Sedanstraße sind derzeit 23 über 65 Jahre alt. Weniger typisch ist, dass es einem Wohnungslosen in vergleichsweise kurzer Zeit gelang, eine Sozialwohnung zu ergattern. „Andere suchen jahrelang“, sagt Bundschuh. Manche Bewohner der Sedanstraße hätten die Suche inzwischen aufgegeben. Sie glauben nicht mehr daran, dass jemals noch irgendein Vermieter Ja zu ihnen sagen würde.

Der 68-Jährige, der nun in einer Sozialwohnung der Stadtbau lebt, hatte zuletzt 2009 eine eigene Wohnung gehabt. „Die wurde ihm wegen Eigenbedarf gekündigt“, erklärt Bundschuh. Danach kam der Mann vier Jahre lang bei Bekannten unter. Doch das ging auf Dauer nicht gut. So entschloss er sich zum Umzug in die Gartenlaube.

Laut Bundschuh gibt es viele Gründe, weshalb Menschen ihre Wohnung verlieren. Kündigungen aufgrund von Eigenbedarf sind nicht selten. Auch zerbrochene Beziehungen können in Wohnungslosigkeit münden. So war es bei einer 67-jährigen Frau, die vor zwei Jahren in die Sedanstraße zog. Ihre Beziehung war zum Schluss so belastend gewesen, dass die Frau beschloss, sich zu trennen und ins „Nichts“ zu gehen. 2015 zog sie in das Dachgeschoss der Sedanstraße, wo es Zimmer für Frauen gibt. Seither sucht sie nach einer Wohnung. Bisher vergeblich.

Wie viele Menschen in Würzburg wohnungslos sind, kann Bundschuh mangels Statistik nicht sagen. Fassbar bleibt einzig die Zahl jener Menschen, die in einer städtischen Verfügungswohnung oder in der Obdachlosenunterkunft leben. „Das sind momentan 301 Personen“, so der ehemalige Mitarbeiter der Bahnhofsmission. Der Anteil der Minderjährigen beträgt fast ein Drittel.

Die Zahlen steigen jedes Jahr. Vor vier Jahren registrierte die Wohnungsnotfallhilfe erst rund 250 Menschen ohne eigenes Dach über dem Kopf, darunter 68 Kinder. Vor allem wegen der kinderreichen Flüchtlingsfamilien stieg die Kinderzahl stark an. So wurden im vergangenen Jahr zwölf syrische Familien mit insgesamt 48 Personen in Verfügungswohnungen aufgenommen.

Die Stadt unterstützt Menschen, die in der Gefahr schweben, ihre Wohnung zu verlieren. In der Abteilung „Wohnungssicherung“ innerhalb der Fachstelle Wohnungsnotfallhilfe wird zum Beispiel geklärt, ob Mietschulden übernommen werden können. Auch vermitteln Bundschuhs Kollegen bei einer Kündigung oder Räumungsklage zwischen Mieter und Vermieter. In dieser Abteilung wurden im vergangenen Jahr insgesamt 179 Notfälle bekannt. 83 Mal war es zu einer Räumungsklage, 54 Mal zu einer fristlosen Kündigung gekommen.

Kilian Bundschuh versucht in der von ihm geleiteten Abteilung „Gefährdetenhilfe“, Menschen bei der Suche nach neuen vier Wänden zu unterstützen. „Wir haben allerdings selbst keine Wohnung, in die wir vermitteln könnten“, betont er. Genau mit dieser Hoffnung kommen jedoch etliche Klienten zu ihm. Immer wieder muss Bundschuh erklären, dass er nur Unterstützung anbieten kann. Diese Unterstützung ist oft sehr intensiv. Mit einem Beratungsgespräch ist es selten getan. Oft kommen die Klienten immer wieder. 2.500 Mal wurde die Gefährdetenhilfe 2016 kontaktiert: „Das bedeutet eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent.“

Dass sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt entspannt, glaubt Bundschuh nicht. Im Moment verschlechtert sie sich eher. So reißt die Stadtbau in Grombühl zehn Häuser ab. Fast 150 günstige Wohnungen fallen weg. Auf dem Hubland sollen gerade einmal 90 Sozialwohnungen entstehen. In deren Genuss kommen vermutlich Familien mit geringen Einkommen. Und kaum Bundschuhs Klienten.

Mehr Unterstützung verspricht sich der Sozialarbeiter künftig vom Allgemeinen Sozialdienst der Stadt. Dort entsteht gerade ein neues Projekt der aufsuchenden Erwachsenenarbeit. Dadurch könnte es nach Bundschuhs Einschätzung gelingen, einem Wohnungsverlust sehr früh vorzubeugen.

Keine Lösung zeichnet sich für jene Menschen ab, die aus Osteuropa nach Würzburg kamen. Auch sie werden zwar in der Obdachlosenunterkunft untergebracht. Doch sie erhalten keinerlei Sozialleistungen. Bundshcuh: „So will es das EU-Recht.“ Fünf osteuropäische Männer leben gerade in der Sedanstraße von der Hand im Mund. Alle hoffen, eine Arbeit zu finden. Bundschuh hilft ihnen bei den Bewerbungen. Auf Wohnungssuche braucht er mit diesen Klienten gar nicht erst zu gehen. Wie auch. Ohne einen Euro in der Tasche.

Dass Menschen, die von Hartz IV leben oder nur sehr wenig verdienen, kaum Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben, treibt auch den evangelischen Pfarrer Werner Schindelin um. Als Vorsitzender des Vereins „Ehrenamtlicher Sozialdienst“ wandte er sich unlängst mit einem ungewöhnlichen Vorschlag an Innenstaatssekretär Gerhard Eck. Schindelin fordert ein Sonderprogramm für Menschen in prekären Lebenslagen, damit auch sie sich Wohneigentum zulegen können.

„Alle Programme für Zuschüsse oder verbilligte Darlehen, die im Innenministerium aufgelegt wurden, setzen Eigenmittel voraus“, erläutert er. Doch Hartz IVEmpfänger haben keine Eigenmittel. Weshalb sie von der Möglichkeit ausgeschlossen sind, mit staatlicher Hilfe Wohneigentum zu kaufen. Schindelin fordert den Staat auf, Menschen in prekären Lebenslagen die nötigen Eigenmittel vorzustrecken. Die vorgestreckte Summe könne in einem Zeitraum von 20 bis 30 Jahren abbezahlt werden. Die aktuelle finanzielle Situation des Freistaats erlaubt es nach Schindelins Einschätzung, ein solches Sonderprogramm aufzulegen.

pat

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