| Kleiner Kursus in Bürgernähe |
| Neues von Sabrina - GZ-06-06 | |
| Donnerstag, 23. März 2006 | |
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„Das war der ultimative Weckruf, wer jetzt nicht die Ärmel aufkrempelt, der kann sich für 2008 die Wahl gleich abschminken.“ Mein Chef, der Bürgermeister, las aufmerksam die Berichte über die so genannte „kleine Kommunalwahl“ im Freistaat. Das beste Ergebnis dieser Wahlen war wohl, dass sie doch nur örtlich relevante Urnengänge blieben und nicht zu einem - je nach parteipolitischem Blickwinkel - Menetekel oder Final für die Landespolitik wurden. Es wird übernächstes Jahr mühsam genug für die Wahlkämpfer, die Aufmerksamkeit auf ihre Konzepte zur Kreis-, Gemeinde- oder Stadtpolitik zu lenken, wenn die propagandistischen Dampfwalzen der Landesparteien sich bemühen, den Kampfplatz für den Herbst zu planieren. Umso wichtiger ist es, das Feld der Stadtpolitik jetzt schon so gut zu beackern, dass die Kernbotschaft - „Wir sind die Besten“ - bei den Leuten schön fest sitzt. Eine große Rolle spielt dabei die Präsenz des Bürgermeisters, seiner Stellvertreter und der Stadträte in den Stadtteilen, auf Festen, Veranstaltungen, Jubiläen und anderen Gelegenheiten, bei denen man mit vielen Menschen zusammen kommt. Diese Frage will der Chef auch auf der nächsten Sitzung der Mehrheitsfraktion ansprechen. Motto: Wer sich nicht mit affenartiger Geschwindigkeit am Riemen reißt und fleißiger wird, der fliegt das nächste Mal von der Liste. Denn von überall her hört man Klagen, dass sich die Stadträte zu wenig bei den Vereinen und Institutionen sehen lassen. Vor den Wahlen, so wird oft gesagt, weiß man gar nicht, wo man die Kompanie der Kandidaten unterbringen soll, aber unter der Zeit erscheinen viele Stadträte eher virtuell, per Presseerklärung und Zeitungsfoto präsent, denn als realer Repräsentant der Bürgerschaft. Es ist schon wahr, der Grad der Ansprechbarkeit unsererMandatsträger ist durchaus unterschiedlich ausgeprägt. Da gibt es dieWusler, die in jeder Kneipe ihren Stammplatz haben und von jedem Vereinsvorsitzenden die Schuhgröße und die Vornamen der Kinder kennen. Und dann gibt es die im Verborgenen unheimlich Fleißigen, die Papiere schreiben, der Verwaltung auf den Fersen bleiben und Bürgeranliegen wirklich zur eigenen Sache machen. Klar gibt es daneben auch die stinkfaulen Socken, die dem Irrtum unterliegen, dass die Amtskette schon den Stadtrat macht. Bei der Frage, warum sie nicht öfter zu Veranstaltungen, Jubiläen oder Vereinstreffen gehen, sind gerade letztere sehr einfallsreich. Besonders beliebt ist die Ausrede, dass Stadtpolitik und Wahlkämpfe heutzutage im Internet stattfänden. Ein typischer Irrtum von Leuten, die den Cyberspace mit der Wirklichkeit verwechseln. Nein, je anonymer viele Lebensbereiche durch das World-Wide-Web werden, desto mehr sehnen sich dieMenschen nach der direkten Aussprachemit politischen Verantwortungsträgern. Dann wird oft gesagt, man halte doch Sprechstunden, da könne jeder Bürger kommen. Es ist aber nicht die Aufgabe eines Stadtrats zu warten, bis der Bürger untertänigst ein Angesuch vorbringt. Ein Stadtrat muss raus zu den Leuten und schauen, wo sie der Schuh drückt. Schließlich sind nicht nur die „großen“ Probleme interessant, sondern auch die kleinen Ärgernisse und die ungeschminkte Meinung der Bevölkerung, die man nur durch einen guten Ratsch erfährt. Mein Chef, der Bürgermeister, ist ja ein Typ mit 18 Stunden-Tag und keinem freien Wochenende. Der braucht keinen Kurs in Bürgernähe, eher jemanden, der ihm den Spruch „Willst du was gelten, mach dich selten“ als Bildschirmschoner auf dem Laptop installiert. Aber dafür ist er auch mit Abstand der populärste Kommunalpolitiker bei uns. Wahrscheinlich gilt aber für einen modernen Politiker immer noch der Satz von August von Platen auf dem heutigen Kalenderblatt: „Lerne zu reden, lerne aber auch zuzuhören.“ (GZ-06-06)
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