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Gestern hat mein Chef gesagt ...
„Zwang hier, Zwang da, Zwang dort - fällt denn diesen Betonköpfen wirklich nichts Besseres ein, als die Leute immer mit Zwang belegen zu wollen?“ Mein Chef, der Bürgermeister, war sichtlich genervt von einem Stadtratsantrag, demzufolge in Zukunft alle Bauherrn verpflichtet werden sollen, bei der Errichtung von Neubauten oder bei größeren Umbauten den Einbau von Solaranlagen vorzusehen. Noch mehr gestunken hat ihm aber sichtlich eine Verwaltungsvorlage, die diesen Antrag sinngemäß als gute Idee bewertete.
Und in der Tat hat wohl die Stadt Marburg in Hessen eine entsprechende Satzung erlassen, was bundesweit zu großer medialer Aufmerksamkeit geführt hat. Grundsätzlich ist sie ja auch eine gute Sache, so eine Solaranlage. Entweder man kann Strom zum Eigenverbrauch gewinnen oder man speist ihn ins Netz ein. Oder man heizt damit bzw. wärmt sein Badewasser. Man kann auch beides kombinieren. Strom und Wärme - abgasfrei, erneuerbar und unbegrenzt verfügbar.
Allerdings sind sie immer noch ziemlich teuer, was aber durch die hohen Fördermittel, die es für ihre Einrichtung gibt und die guten Preise für ins Netz eingespeisten Solarstrom durchaus wett gemacht wird. Bleibt noch, dass es halt auch bei Gebäuden - zumal älteren Jahrgangs - welche gibt, die ungünstig gelegen oder zu verbaut sind, um wirtschaftlich sinnvoll Solarzellen anzubringen. Auch der Denkmalschutz kann eine Rolle spielen. Oder sonstige ästhetische Überlegungen. Dann kann man sich allerdings an einem Solarpark beteiligen und somit quasi indirekt sein Scherflein zur nachhaltigen Stromerzeugung beitragen.
Solarzellen sind also eine gute Sache. Warum war dann der Chef so wütend? Ganz einfach: Er ist der Meinung, dass Zwang auch die beste Sache diskreditieren kann. Zwang lässt die Menschen nach Ausweichmöglichkeiten und Gegenstrategien suchen. Die aufgezwungene Wohltat wird immer als belas-tend und lästig empfunden werden.
Dabei ist es doch gar nicht so schwer, den Leuten reinen Wein einzuschenken. Wer es eh noch nicht weiß, der ahnt es, dass wir in Zukunft einen anderen Energiemix als heute brauchen. Dabei wird es ebenso wenig ohne fossile Brennstoffe gehen wie ohne Atomenergie. Aber eben auch nicht ohne erneuerbare Energien aus Sonne, Wind, Bioabfällen oder Wasser.
Allerdings darf man die Einzelkomponenten nie isoliert betrachten, sondern muss sie in den Zusammenhang stellen. Und vor allem immer da einsetzen, wo sie am effektivsten sind. Außerdem sollte man nicht ignorieren, dass Maßnahmen zur Einschränkung des Energieverbrauchs ebenso wichtig sind, wie neue Wege in der Erzeugung.
Wenn man also an die Gebäude ran geht - egal ob Neubau oder Bestand - macht es keinen Sinn, eine einzelne Maßnahme mit Gewalt und Zwang durchzusetzen, so gut dies auch gemeint sein mag. Da wird nur Widerstand Marke „Trotzköpfchen“ erzeugt, der sich dann auch gegen andere sinnvolle Maßnahmen richtet. Trumpf ist, für den individuellen Fall den passenden Mix aus Energiesparen und regenerativer Energieerzeugung am Gebäude zu finden.
Mein Chef, der Bürgermeister, setzt somit auf Aufklärung, Beratung und den Appell ans schnöde Eigeninteresse der Bauherrn. Er startet zusammen mit der Sparkasse und der örtlichen Bauinnung eine große Kampagne, bei der sich jeder kostenlos beraten lassen kann, was für sein Bauvorhaben das Beste ist. Und er lobt einen Preis aus, ähnlich dem Preis für die am schönsten renovierte Außenfassade. Motto: Die Häuser in unserer Stadt sollen nicht nur von außen schön anzuschauen sein, sondern auch innen Tip-Top. So setzt er dem Marburger Modell also den Satz von Jean-Jacques Rousseau auf dem heutigen Kalenderblatt entgegen: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.“
(GZ-13-08)
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