Kokettieren mit dem Schicksal
Neues von Sabrina - GZ-21-06
Donnerstag, 9. November 2006

sabrina.jpgGestern hat mein Chef gesagt ...

„Die Gründerväter der Vereinigten Staaten sahen schließlich das Streben nach Glück als ein Menschenrecht an.“ Mein Chef, der Bürgermeister, schaute etwas verlegen von seinem Lotto-Schein auf, den er gerade ausfüllte, als ich ins Zimmer kam.

 

Nun finde ich es etwas übertrieben, die idealistischen Vorstellungen von einer besseren Welt, die die amerikanischen Revolutionäre hatten, mit dem Spiel 6 aus 49 in Verbindung zu bringen. Aber er hätte sich trotzdem bei mir nicht zu entschuldigen brauchen, dass er seine wöchentlichen Kreuzerl macht. Schließlich pilgere ich auch jeden Freitag in die Annahmestelle, um Fortuna eine Chance zu geben, mir zuzulächeln.

Tatsächlich gibt es ja nichts, was die Gesellschaft bei uns über alle Schichten und Klassen hinweg so einen würde, wie die Lust am großen Gewinn zum kleinen Einsatz. Weder von der Hymne, noch von der Fahne, ja nicht mal von der Fußball-Nationalmannschaft sind die Leute so ergriffen wie vom Lotto-Fieber, wenn mal wieder ein zweistelliger Jackpot ausgespielt wird. Der Stadtdirektor, seine Sekretärin, die Putzfrau - alle machen mit. Ost und West mag auch nach 17 Jahren Mauerfall viel trennen, aber den Traum, von jetzt auf gleich um ein paar Millionen reicher zu sein, eint Aachen und Anklam, Zwickau und Zwiesel. Der einzige Graben, der unser Volk teilt ist derjenige zwischen denen, die jede Woche neue Zahlen ausprobieren und denjenigen, die immer die gleichen tippen. Zu letzteren gehöre übrigens auch ich: Es sind die Geburtstage und -monate meiner bisherigen drei festen Freunde - vielleicht bringen mir die untreuen Mistkerle auf diese Weise doch noch Glück? 

Dabei ist es mathematisch wohl wahrscheinlicher, dass zwei pink lackierte Cadillac zur gleichen Zeit auf der Großglockner-Straße einen Platten an allen vier Reifen haben, als das Erscheinen der sechs Richtigen samt Superzahl auf einem Lottoschein. Viel bessere Quoten hat der leidenschaftliche Zocker zum Beispiel beim Roulette, dem einarmigen Banditen im Spielkasino oder bei Sportwetten, bei denen man etwas Erfahrung und Wissen mit dem blinden Vertrauen auf das Glück zusammenspannen kann.

Warum also spielen die Leute Lotto, obwohl sie genau wissen, dass sie eigentlich nicht gewinnen können? Warum ist es für ehrbare Stützen der Gesellschaft, die einen Besuch in der Spielbank als Sittenund Zügellosigkeit geißeln würden selbstverständlich, in der Lottoannahmestelle ihren Tipp abzugeben? 

Für mich ist die Antwort ganz einfach: Lotto ist gerade wegen der geringen Chancen kein eigentliches Glücksspiel, sondern eher ein Kokettieren mit dem Schicksal. Bin ich ein solches Sonntagskind, dass mir die gebratenen Tauben einfach so in den Mund fliegen oder nicht? Den Einsatz kann sich jeder leisten und allen Wahrscheinlichkeitsrechnungen zum Hohn gewinnen ja immer mal wieder ganz normale Leute wie du und ich ein Riesensümmchen. Wenn man selbst nicht so vom Glück bestrahlt ist, kann man sich immer noch mit den Zeitungsartikeln trösten, die von Lottokönigen berichten, denen ihr Reichtum kein Glück brachte. Und man kann sich in der Gewissheit bestärkt sehen, dass man selber es schon richtig machen würde, wenn der Riesen-Jackpot die ersehnten Millionen auf das Konto spült. 

Mein Chef, der Bürgermeister, würfelt seine wöchentlichen Glückszahlen übrigens aus. Hätte ich von dem soliden, berechenbaren und methodischen Menschen gar nicht erwartet. Vielleicht ist auch dies ein Reiz des Spiels: Man kann mal ein bisschen auf Risiko gehen. Für alle künftigen Lottomillionäre hält übrigens der amerikanische Komiker Danny Kaye auf dem heutigen Kalenderblatt einen guten Rat bereit: „Geld allein macht nicht glücklich. Es gehören auch noch Aktien, Beteiligungen, Gold und Grundstücke dazu“. (GZ-20-06)

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