Sehnsucht nach dem Verlorenen
Neues von Sabrina - GZ-11-2012
Mittwoch, 23. Mai 2012

sabrina.jpgGestern hat mein Chef gesagt ...

„So, jetzt ist wieder Pfingsten, da fahren die Sudetendeutschen zu ihrem Heimattreffen, und ich freue mich schon auf das traditionelle Abschiedsfest.“ Mein Chef, der Bürgermeister, hakte zufrieden den Termin am Donnerstagabend im Terminkalender ab.



So wie es gute Tradition ist, dass sich die Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland jedes Jahr zu Pfingsten in einer bayerischen Stadt beim Sudetendeutschen Tag, kurz ST, treffen, um ihr Wiedersehen zu feiern und die Erinnerung an die alte Heimat wach zu halten, so ist es Brauch in unserer Stadt, dass die „ST-Fahrer“ und die Daheimgebliebenen einen zünftigen Abschied feiern und den Bürgermeister dazu einladen.

Mein Chef gehört zwar nicht zu denjenigen, deren Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Aber er fühlt sich dieser Gruppe in unserer Stadt persönlich sehr verbunden, unabhängig davon, ob es sich um Sudetendeutsche, Schlesier, Ost- oder Westpreußen, Karpaten- oder Buchenlanddeutsche, Siebenbürger Sachsen oder Donauschwaben handelt. Dazu haben natürlich in erster Linie die vielen persönlichen Begegnungen mit Heimatvertriebenen beigetragen, etwa mit Lehrern in seiner Jugend, die faszinierend von zauberhaften Landschaften und prächtigen Städten zu erzählen wussten, die für ihn damals so unerreichbar waren wie der Mond, da jenseits des Eisernen Vorhangs gelegen.

In diesen Menschen, die die Heimat zurücklassen mussten, spiegelte sich die Sehnsucht nach dem Verlorenen ebenso wie in ihnen der Wille loderte, sich dort, wo sie unfreiwillig eine zweite Heimat gefunden hatten, eine neue, dauerhafte und sichere Existenz aufzubauen.

So geht auch in unserem Städtchen ein großer Teil dessen, was später so schön Wirtschaftswunder genannt wurde, auf das Konto von Heimatvertriebenen. Da aber wirtschaftlicher Erfolg nichts mit Wundern zu tun hat, sondern nur mit solidem Know-how, beständiger Innovationsbereitschaft, harter Arbeit, diszipliniertem Fleiß, (in der Aufbauphase jedenfalls) eiserner Sparsamkeit und vor allem Identifikation mit dem eigenen Produkt, kann man nur mit Bewunderung und Dankbarkeit auf diese Pionier-Generation blicken, die im für sie fremden Westen ihre wirtschaftliche Basis neu geordnet haben.

Die Tatkraft dieser Menschen fasziniert bis heute, ihre positive Haltung trotz der schrecklichen Verluste nötigt unheimlichen Respekt ab. Sie haben nicht auf Hilfe gewartet, sondern sich selbst geholfen und damit ihren entscheidenden Anteil daran, dass unser Land nicht im Elend verharrte und in Passivität , sondern aktiv den heute selbstverständlich scheinenden Wohlstand aufbaute. Erst spät, im Alter und nach langen Jahren des Kennenlernens und Vertrauens haben sich einige dem Chef geöffnet. Er erkannte, dass viele dieser bewunderten Motoren des Wiederaufbaus Traumata zu verarbeiten hatten, die für zwei oder mehr Menschenleben gereicht hätten. Manche nahmen ihre Erinnerungen unbewältigt mit ins Grab.

Viele dieser Menschen sind für meinen Chef zum Vorbild geworden, auch wenn sich seine Eltern manchmal über deren Sprache mokiert haben, über die angeblichen Wohltaten durch den Lastenausgleich und was es sonst nicht alles gab, an dem sich die Einheimischen im Verhältnis zu den hierher Verschlagenen reiben konnten. Wenn man von einem Wunder sprechen kann, dann dass heute „die“ und „uns“ (wohlgemerkt: von welcher Seite aus man das immer sieht!) nichts mehr trennt und unterscheidet.

Mein Chef, der Bürgermeister, versteht nicht, warum wir in unserem Land die Leistungen der Heimatvertriebenen nicht stärker würdigen – und warum wir ihren Integrationswillen und ihren Weg, sich ein neues Zuhause zu bauen, nicht auch denen als Vorbild anbieten, die heute freiwillig zu uns ziehen. Wichtig wäre, endlich einen nationalen Gedenktag für die Vertriebenen einzuführen, der sie ehrt, ohne andere zu verletzen. Zur Bekräftigung schicke ich ihm einen Satz des Ostpreußen Ernst Wichert aufs Handy: „In der Fremde erfährt man, was die Heimat Wert ist.“

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(GZ-11-2012)