Theorie und Praxis im Gleichgewicht
Mittwoch, 25. April 2012

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Liebe Leserinnen
und Leser,

„Deutschland – das Land der Dichter und Denker“. Nur allzu gerne verweisen Bildungspolitiker und andere sogenannte Experten auf das reiche kulturhistorische Erbe unserer Nation, wenn sie uns gleichzeitig den aktuellen Verfall unseres Bildungssystems vor Augen führen wollen. Und so entsteht der Eindruck, dass sich unser Land immer mehr aufteilt in optimal qualifizierte Hochschulabsolventen auf der einen Seite und ungebildete Schulabbrecher ohne Abschluss andererseits.


Bei Zweiflern an dieser Theorie wird gerne auf die altbekannte PISA-Studie verwiesen. Dass die Wahrheit - wie eigentlich immer - irgendwo dazwischen liegt, beweisen dagegen die vielen hochqualifizierten Absolventen der Mittel-, Real- und Berufsschulen. Gerade das duale System der Berufsausbildung bringt gebildete junge Menschen hervor, die nicht nur über aktuelles theoretisches Wissen verfügen, sondern auch eine fundierte praktische Ausbildung besitzen. Theorie und Praxis vereint in der Berufsausbildung - das ist eine Besonderheit, die genauso zu Deutschland gehört wie die eingangs erwähnten Dichter und Denker. Und sie ist die Basis für den Erfolg unserer Handwerks- und Industriebetriebe - egal ob Global Player, Mittelstand oder Kleinunternehmen.

Um dieses Fundament auch für die Zukunft zu erhalten, gibt es in vielen Regionen Anstrengungen, die Verzahnung von Ausbildung, Beruf und Studium voranzutreiben. Auch wir im Landkreis Mühldorf stricken mit unserer Bildungsinitiative „Lernen vor Ort“ an einem engmaschigen Netzwerk zwischen den regionalen Hochschulen, der heimischen Wirtschaft und Vertretern von Kammern und Innungen. Duales Studium, berufsbegleitendes Hochschulzertifikat, Lehrmodule mit Anrechnung von Creditpoints - die Möglichkeiten sind vielfältig, das Ziel aber immer gleich. Mit einer wohn- und vor allem arbeitsplatznahen akademischen Weiterbildung sollen Arbeitskräfte gezielt weiterqualifiziert werden, um die Fachkräfte für die regionale Wirtschaft nachhaltig zu sichern. Gerade mittelständische Betriebe werden ihre Facharbeiterstellen in Zukunft nur besetzen können, wenn sie sich selbst engagiert in die Aus- und Fortbildung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einbringen.

Qualifiziertes Personal sichert fortschreitende fachliche Kompetenz und Innovationskraft in den Betrieben. Und auch die Arbeitnehmer profitieren von der wohnortnahen Hochschulbildung, die ihnen eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Weiterbildung ermöglicht. Wenn ein Familienvater oder eine -mutter nicht mehr erst einen Wohnortwechsel oder hohe Fahrtkosten in Kauf nehmen muss, um sich auf akademischem Niveau weiterzubilden, sinkt automatisch die Hemmschwelle, sich auf diesen neuen Schritt einzulassen. Über zusätzliche Mitarbeitergespräche können die Betriebe ihre Angestellten zum Schritt in die akademische Weiterbildung zusätzlich motivieren.

Doch was können die Kommunen tun, um die Möglichkeiten des dualen Studiums noch besser auszuschöpfen? Im Laufe unserer Bemühungen im Landkreis Mühldorf haben wir festgestellt, dass es oft nur einen Anstoß von außen, einen Türöffner hinein in die Hochschulen, aber auch in die Betriebe braucht. Es reicht meist schon ein erster Austausch, um Vorurteile und Ängste zu überwinden. Wer gemeinsam an einem Tisch sitzt und sich austauscht, erkennt bald die Vorteile einer Zusammenarbeit. Daneben können die Kommunen mit der Vermittlung von Räumlichkeiten oder der Unterstützung bei Marketingmaßnahmen ganz konkrete Hilfestellungen leisten, um die neuen Angebote nachhaltig zu verankern.

Theorie und Praxis sind keine Gegensätze, sondern zwei untrennbare Säulen unserer Wirtschaftskraft. Es liegt an uns, diese beiden Pfeiler in einem gewinnbringenden Gleichgewicht zu halten.

    Ihr Georg Huber


(GZ-09-2012)