| „Durch die Netzregulierung wird Strom kaum billiger“ |
| Donnerstag, 20. Juli 2006 | |
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E.ON will wieder Kernkraftwerke bauen, zunächst wohl in Rumänien In der Jahrespressekonferenz der E.ON Energie AG, München, kündigte Vorstandschef Johannes Teyssen zwar an, nach der Entscheidung der Bundesnetzagentur über die künftigen Netzentgelte die Strompreise entsprechend zu senken. Aber zugleich schränkte er ein, dass höhere Gebühren und Steuern die Preissenkung wohl wieder weitgehend kompensieren werden. Des weiteren teilte er mit, dass der Energiekonzern E.ON, nach eigener Darstellung das größte private Energieunternehmen derWelt, wieder Atomkraftwerke bauen will. Zwar ist das wegen des vom Bundestag unter Rot-Grün beschlossenen Ausstiegs aus der Kernenergie in Deutschland derzeit nicht möglich, aber Chancen für neue Kernkraftwerke sieht das Unternehmen in Rumänien, Holland, Finnland, Großbritannien und wohl auch in den baltischen Staaten. Frage der Netzentgelte In der Frage der Netzentgelte sei alles offen. Verbindliche Ergebnisse der Netzagentur zu den Strom- und Gasnetzentgelten und den Rahmenbedingungen für die künftige Anreizregulierung, mit der die Ausrichtung der Preise an den Branchenbesten erreicht werden soll, gebe es zurzeit noch nicht. Die Agentur prüfe die Anträge der Energie-unternehmen „bis ins Detail“, wozu allein E.ON Energie 300.000 Einzelwerte geliefert habe. E.ON suche keinen Streit, sondern, wo immer möglich, den Ausgleich, um Rechtsfrieden zu finden. Deshalb gehe der Konzern den Weg einer vertrauensvollen Kooperation. Rentabilität erhalten Allerdings, so Teyssen weiter, dürfe es nicht zu einer Situation kommen, die ein Konkurrent mit dem Satz „Wer investiert, verliert“ auf den Punkt gebracht habe. Bei allen Regulierungsmaßnahmen müsse die im Gesetz versprochene Rentabilität erhalten bleiben, sonst könne der Konzern seine Investitionsoffensive nicht fortführen, sondern müsse seine Investitionen zurückfahren. Erste Informationen über Entwürfe der Netzagentur machten jedenfalls besorgt. Die im vergangenen Sommer angekündigte Offensive über 300 Mio. Euro in die Netze in Deutschland werde bereits realisiert. Bei allen Regionalunternehmen, so etwa bei E.ON Bayern, seien die Investitionen sogar erhöht worden. Gravierende Missverständnisse Bei der Diskussion über Energiepreise zeigen sich nach E.ON Ansicht gravierende Missverständnisse. Ohne Gründe und mit teilweise absurd anmutenden Behauptungen würden Preissenkungen gefordert. Zunächst einmal müsse man zwischen Industriekunden und großen Händlern einerseits sowie privaten Haushalten andererseits unterscheiden. Die erste Gruppe orientiere sich strikt gemäß Angebot und Nachfrage an den Großhandels- und Börsenpreisen. Dabei funktioniere der deutsche Stromhandelsmarkt in beiden Richtungen. Die zweite Gruppe profitiere von einem mit den staatlichen Aufsichtsbehörden abgestimmten Durchschnittspreis im Terminmarkt. Bei beiden Gruppen spielten staatlich regulierte Preisbestandteile wie Energiesteuern, Förderegime für regenerative Energien sowie Kraft- und Wärmekopplung und Konzessionsabgaben für Gemeinden und schließlich die Mehrwertsteuer eine große Rolle. Bei privaten Kunden addierten sich diese Preisbestandteile bereits auf 40 Prozent des Preises. Kompensierte Entlastung Netzentgelte machen bei den Haushalts- und Industriekunden jeweils ein Drittel der Stromrechnung aus. Rechne man die bisher veröffentlichten Netzentgelt-Kürzungen, die nach Teyssens Ansicht zwischen 5 und 20 % liegen, hoch und gehe von einer weiteren zehnprozentigen Absenkung aller Netzentgelte durch die Regulierung aus, werde der durchschnittliche Familienetat um etwa 2 Euro je Monat entlastet. Doch werde diese Entlastung nahezu vollständig zum Jahreswechsel durch sich ausweitende Förderprogramme für erneuerbare Energien und die dreiprozentige Mehrwertsteuererhöhung kompensiert. Ein gutes Viertel der Stromrechnung machen die Großhandels- und Börsenpreise für die Stromproduktion aus, die in den letzten Monaten eine „turbulente Achterbahnfahrt“ erlebt haben, nicht zuletzt durch das Auf und AB der CO2-Preise. Konkretere Angaben zur Strompreisentwicklung machte Teyssen nicht. Bewährte Preisbindung Bei den Gaspreisen sei auch noch nicht entschieden, ob sie zum 1. Oktober steigen und ggf. um wie viel. Die Bindung der Gaspreise an den Ölpreis habe sich jedenfalls bewährt. Weder in England noch Amerika habe sich die Abkehr von der Ölpreisbindung als stabilisierendes oder gar den Preis senkendes Element gezeigt. Vielmehr lägen dort die Handelspreise für Gas viel höher als auf der hiesigen Großhandelsstufe. Im Übrigen hätten alle E.ON-Regionalversorgungsunternehmen ihre Kalkulation für Gas offen gelegt, was sehr zur versprochenen Transparenz beitrage. E.ON versteht sich längst als ein international tätiges Unternehmen. Entsprechend sind seine Wachstumspläne ausgelegt. Neue Aktivitäten gibt es in Bulgarien (1,1 Mio. Stromkunden), in Holland (Strom- und Gasvertrieb für 300 000 Kunden) und in Rumänien (1,3 Mio. Stromkunden). Gefestigt wurde die Marktposition in Tschechien (110.000 Kunden) und Ungarn (1 Mio. Gaskunden). Investitionsoffensive Zu diesen externen Wachstumsschritten kommt eine Investitionsoffensive in neue Kraftwerke und Netze, „was zusammen das größte Investitionstempo seit mehr als einer Generation darstellt“. Zu nennen sind das „weltweit größte, modernste und umweltfreundlichste Kohlekraftwerk“ mit einer Blockleistung von mehr als 1000 MW (Megawatt) in Datteln in NRW, zwei Gaskraftwerke in Irsching bei Ingolstadt über 1300 MW Leistung, ein 800-MW-Gaskraftwerk in Livorno, Ferraris in Norditalien und vier neue Müllverbrennungsanlagen in Norddeutschland, die zu den zwölf bestehenden kommen. Untersucht werden Investitionsvorhaben für Steinkohle in Rotterdam und bei Frankfurt und für zusätzliche Gaskraftwerke in Norddeutschland, Ungarn und in der Slowakei. Rumänien im Visier Schon konkreter könnte der Bau eines Kernkraftwerkes in Cernavoda in Rumänien werden. Vor einigen Tagen habe E.ON als möglicher strategischer Investor für die Beteiligung am Neubau eines Kernkraftwerks mit modernster westlicher Technik auf eine entsprechende Ausbei der rumänischen Regierung eingereicht, teilte Teyssen mit. Im Netzgeschäft hat E.ON zusätzliche Mittel bereitgestellt zur Beseitigung von Engpässen in Deutschland und zum Ausbau internationaler Kuppelstellen. Deutliche Investitionssignale hat der Konzern auch bei der Entwicklung der Wind-Offshore- Technologie, bei der Biomasse und bei der Wärmedämmung von Gebäuden gegeben, worüber die Tochter E.ON Bayern schon ausführlich berichtet hat. Offshore-Rechte hat sich das Unternehmen vor Borkum, vor Amrum und vor Cap Arkona gesichert. Position in Zentralosteuropa stärken Die schnelle Entwicklung von internationalen Regionalmärkten sieht E.ON als notwendigen Zwischenschritt auf dem Weg zu einem einheitlichen europäischen Energie-Binnenmarkt. „In unserer Hemisphäre geht es zunächst um die zwei Regionalmärkte Zentralwesteuropa und Zentralosteuropa, die sich unterschiedlich schnell entwickeln“, sagte Teyssen. Westeuropa habe beinahe alle Voraussetzungen, Osteuropa entwickle sich langsamer, strebe aber die Angleichung an Westeuropa an. Für E.ON gelte es, die Position in Zentralosteuropa zu stärken, wo es bereits über 7 Mio. Kunden, 2,6 Mrd. Euro Umsatz und fast 15 000 Mitarbeiter gebe. Insgesamt beschäftigt E.ON Energie etwa 44.500 Menschen, davon ein Drittel außerhalb Deutschlands. Die Mitarbeiterzahl im Inland wird auf Grund der - jetzt auslaufenden - Altersteilzeitregelung und wegen weiter Rationalisierungen leicht sinken. Gesucht werden Ingenieure, vor allem für den Bereich Kernenergie. Deshalb sponsert das Unternehmen einen Lehrstuhl für Kernkraft an der Technischen Hochschule Aachen. Der Umsatz nahm - vor allem auf Grund von Erstkonsolidierungen in Bulgarien, Ungarn und Rumänien, aber auch wegen höherer Großhandelspreise - um 18 Prozent auf 23,2 Mrd. Euro zu. Dabei legte das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) auf 3,93 (Vorjahr: 3,60) Mrd. Euro zu. Die gesamten Investitionen addierten sich auf 2,18 (2,53) Mrd. Euro. (GZ-14-06) PS: E.ON, Sponsor der überaus erfolgreichen Franz-Marc- Ausstellung in München, arbeitet am Zustandekommen der bisher größten Kandinsky-Ausstellung, die 2008 in München gezeigt werden soll. dhg. |