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Verbandspräsident Stephan Götzl fordert mehr Engagement für deutsche Interessen
Zwar halte die Eurokrise Europa und die Welt in Atem, doch überraschenderweise seien in Deutschland noch keine gravierenden konjunkturellen Auswirkungen der zahlreichen europäischen Sparprogramme zu bemerken, obwohl Deutschland zum Erhalt der gemeinsamen Währung große Risiken auf sich genommen habe und die Regierungen der Euroländer einen Paradigmenwechsel bei ihrem Umgang mit der Staatsverschuldung eingeleitet hätten. Deutschland werde aber dennoch nicht in eine Rezession abgleiten. Nach dem sehr guten Jahr 2011 mit einem Wachstum von 3 Prozent werde auch 2012 recht ordentlich verlaufen. Diese gute Entwicklung zeige sich auch bei den bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken, sagte Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbandes Bayern, in der Bilanzpressekonferenz des Verbandes. Die Genossenschaftsbanken, die 2011 zum dritten Mal in Folge ein erfreuliches Geschäftsjahr verzeichneten, werden nach Götzls Prognose auch im laufenden Jahr ähnlich gut abschneiden.
Mit Blick auf die anstehende Regulierung des Finanzsektors verteidigte Götzl vehement die Interessen der Regionalinstitute, also der Genossenschaftsbanken und Sparkassen, sowie der mittelständischen Wirtschaft, der sich diese Banken besonders verpflichtet fühlen. Er kritisierte die vorgesehenen Maßnahmen, die sich leicht zu einer Wachstumsbremse entwickeln könnten, und forderte Nachbesserungen, um die allzu einseitige Berücksichtigung der Interessen der Groß- und Investmentbanken zu verhindern.
Keine Kreditklemme
Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF), „in der Vergangenheit weiß Gott kein Freund des deutschen Bankensystems“, habe in einem aktuellen Bericht die Bedeutung der Regionalbanken hervorgehoben und ausdrücklich ihre Stabilität während der Finanzkrise und ihre zuverlässige Kreditversorgung betont. Für die Kunden der bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken habe es bislang auch keine Kreditklemme gegeben.
Götzl untermauerte die Bedeutung der Genossenschaftsbanken durch ihre „erfreulichen Ergebnisse“ im Geschäftsjahr 2011 habe es in allen wichtigen Bilanzkategorien deutliche Zuwächse gegeben. Zudem sei die Ertrags- und Kostensituation nach wie vor gut. „Wir schließen das Jahr mit einem ordentliche Gewinn ab und können unser Eigenkapitalpolster weiter stärken“, betonte der Verbandspräsident sichtlich zufrieden.
Gestiegene Bilanzsumme
Die Bilanzsumme der 296 bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken stieg um 3,9 Prozent auf 128,5 Milliarden Euro. Überproportional wie schon im Jahr zuvor haben die Ausleihungen um 5,4 Prozent auf 71,6 Milliarden Euro zugelegt. Vor allem Firmenkunden sorgten für das Plus, denn ihr Kreditvolumen wuchs um 6,9 Prozent auf 33,4 Milliarden Euro. Der Kreditbestand bei Privatkunden legte dagegen „nur“ um 3,5 Prozent auf 36,1 Milliarden Euro zu. Für den Zuwachs in diesem Bereich sorgte vor allem die private Wohnungsbaufinanzierung, die sich um 4,5 Prozent auf 27,4 Milliarden Euro erhöhte. Darin, so Götzl, spiegelten sich das Anspringen der Bauwirtschaft und das hohe Interesse an Immobilien, aber zum Teil auch die große Verunsicherung der Sparer wider.
Im Einlagenbereich verlief die Entwicklung ebenfalls recht ordentlich, „obwohl die staatlich gestützten Banken teilweise mit marktfernen, öffentlich subventionierten Kampfkonditionen unterwegs sind.“ Die Kundengelder legten um 3,1 Prozent auf 99,9 Milliarden Euro zu, “weil die Kunden bei Genossenschaftsbanken ihre Ersparnisse sicher wissen“. Das Aktiv- und Passivgeschäft sei besser gelaufen, „als wir selbst erwartet hatten“. Das schlug sich in der Gewinn- und Verlustrechnung nieder. Das Gesamtergebnis (vor Bewertung und Steuern) erreichte mit 1,17 (Vorjahr 1,22) Prozent der durchschnittlichen Bilanzsumme (DBS) bzw. 1,46 (1,49) Milliarden Euro wieder „eine sehr ordentliche Größe“. Dabei war die Zinsspanne um 0,08 Prozentpunkte auf 2,45 Prozent zurückgegangen, wogegen die Provisionsspanne mit 0,65 Prozent nahezu unverändert blieb. Positiv wirkte sich aus, dass die Betriebskosten weiter gesenkt werden konnten.
Risikovorsorge
Die Risikovorsorge war zweigeteilt. Einerseits gab es wegen des Wirtschaftswachstums, der hohen Unternehmensgewinne und weniger Insolvenzen ein Bewertungsergebnis bei den Forderungen, „das so gut war wie noch nie“. Es gab sogar Zuschreibungen von 0,02 Prozent der DBS, „weil wir konservative Vorsorgepolitik betrieben haben.“. Dagegen hat sich als Folge der Finanzkrise die Vorsorge für die eigenen Wertpapierdepots „etwas auf 0,16 Prozent der DBS erhöht“. Götzl will aber nicht ausschließen, dass wie 2008/09 die Erholung an den Märkten bei vielen Titeln noch zu Zuschreibungen führen wird. All das zusammen hat – ähnlich wie im Vorjahr - zu einem bereinigten Ergebnis vor Ertragsteuern von 0,99 (1,00) Prozent der DBS bzw. 1,24 (1,25) Milliarden Euro geführt.
Mit diesem positiven Ergebnis konnte die Eigenkapitalsituation der Volks- und Raiffeisenbanken weiter verbessert werden. Die Kernkapitalquote nach Basel II stieg auf knapp 11 Prozent, die gesamte Eigenkapitalquote auf 17 Prozent der DBS, „womit wir als Gruppe bereits heute die neuen Basel-III-Quoten erfüllen“.
Angesichts der guten Bilanz- und Ertragskennzahlen beurteilen die bayerischen Genossenschaftsbanken, wie eine Konjunkturumfrage ergeben hat, ihre Geschäftssituation sehr positiv. 45 Prozent der Institute schätzen die aktuelle Geschäftslage als gut ein, nur 1 Prozent als schlecht. Und 70 Prozent rechnen damit, dass die Lage in den kommenden sechs Monaten mindestens gleich bleibt. Nur 20 Prozent erwarten im ersten Halbjahr 2012 eine ungünstige Geschäftsentwicklung.
Eurokrise nachhaltig lösen
Aber trotz dieser positiven Aspekte machen sich die Krisen der vergangenen Jahre bei den Kunden ganz erheblich bemerkbar, stellte Götzl fest. Zunehmend investierten sie in Sachwerte wie Immobilien, Grundstücke, aber auch in Edelmetalle, Edelsteine und Fremdwährungen. Und auch die gute Baukonjunktur sei zumindest teilweise in der Verunsicherung der Sparer begründet. Das, so Götzl, helfe der Wirtschaft zwar kurzfristig, könne aber kein permanenter Zustand sein, denn auf Dauer sei die Verunsicherung der Menschen kein Konjunkturantreiber, sondern im Gegenteil ein Wachstumshemmnis. Deshalb müsse heuer die Eurokrise nachhaltig gelöst werden.
Zu einer anderen, ernsthaften Wachstumsbremse können nach Ansicht des Präsidenten des bayerischen Genossenschaftsverbandes Teilbereiche der Bankenregulierung werden. Deshalb müssten die von Basel III ausgehenden Fehlregulierungen beseitigt werden, bevor es zu Schäden in der Realwirtschaft komme. Zwar müssten die Mindestanforderungen an Quantität und Qualität des vorzuhaltenden Eigenkapitals erhöht werden, doch müsse dabei zwischen risikoreichen und risikoarmen Bankgeschäften besser differenziert werden. „Denn die maßgeblichen Verluste in der Finanzkrise sind durch den Wertpapierhandel entstanden. Das Kreditgeschäft mit Privat- und Firmenkunden war dagegen nicht Auslöser der Krise. Die bisherigen Regelungen begünstigen den Wertpapierhandel“, sagte Götzl.
Deshalb dürfe es nicht zu einer pauschalen Anhebung der Mindesteigenkapitalquoten für sämtliche Bankgeschäfte kommen. Sonst werde die europäische Realwirtschaft massiv belastet. Götzl plädiert dafür, das Risikogewicht für Mittelstandskredite (Retailkredite) von 75 auf 50 Prozent abzusenken, für gewerbliche Immobilienkredite von 50 auf 35 Prozent und bei privaten Wohnbaufinanzierungen von 35 auf 25 Prozent, denn in Deutschland seien sowohl Mittelstandskredite als auch Immobilienkredite ein risikoarmes Geschäft.
Mehr Transparenz als Ziel
Korrekturbedarf gebe es auch bei der Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID 2). Eine staatliche Privilegierung der unabhängigen Finanzberatung werde zu einer Diskriminierung der Universalbanken führen. Ziel müsse vielmehr mehr Transparenz sein. Bislang unübersichtlich sei auch die Brüsseler Initiative für ein Krisenmanagement im Finanzsektor, um Banken sanieren und im Insolvenzfall abwickeln zu können. Das sei zu begrüßen, dürfe aber nicht neben der deutschen eine zweite europäische Bankenabgabe führen, die noch dazu nicht nach Risiko differenziert sei, sondern sich rein an der Bilanzsumme orientiere. „Dann nämlich“, so warnte Götzl, „müssten kleine deutsche Regionalbanken direkt für Londoner Investmenthäuser haften, weil durch die Hintertür eine nicht legitimierte Transferunion geschaffen würde.“
Effizientere Bankenaufsicht
Dagegen fehle es bisher an der Regulierung und strengen Überwachsung des Schattenbanksystems. Zur Stabilität im Finanzsystem könne eine effizientere Bankenaufsicht beitragen. Diese Effizienz werde aber durch eine schleichende Kompetenzausweitung der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) gefährdet, denn die Londoner Behörde wolle neben schon bestehenden nationalen Datenabfragen eine zusätzliche Datenerhebung einführen. Eine solche ineffiziente Doppelstruktur belaste vor allem kleine Institute enorm. Stattdessen müsse der Austausch zwischen den nationalen Aufsichten und der EBA verbessert werden.
Götzl: „Wir brauchen mehr Vernetzung.“ Um das zu erreichen, müssten sich Bundesbank und BaFin (Bundesaufsichtsamt für Finanzdienstleistungen) deutlich engagierter für die Interessen des Finanzstandortes Deutschland einsetzen. „Sonst werden sie reine Befehlsempfänger der Londoner Zentrale“, befürchtet Götzl, der in geschickter Weise zeigte, wie das Schicksal der erfolgreich tätigen regionalen Genossenschaftsbanken von den Regelungen und Regulierungen der internationalen Finanzwelt - zum Teil sogar sehr bedrohlich - beeinflusst wird. dhg.
GZ-06-2012
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