Siegertypen im Schafspelz
Neues von Sabrina - GZ-06-2012
Dienstag, 13. März 2012

sabrina.jpgGestern hat mein Chef gesagt ...

„Oh nein, was habt Ihr Euch dabei gedacht? Mich mit so einem langweiligen Kerl zum Essen zu schicken. Ein Gespräch mit dem ist ungefähr so unterhaltend wie ein Kinder-Sudoku.“ Mein Chef, der Bürgermeister, blickte mich vorwurfsvoll wegen dieser für ihn schrecklichen Terminplanung an.


Ich blickte nur kühl zurück. Terminplanung ist eh Glückssache bei meinem Chef. Mal ist der Terminkalender zu voll, mal nicht effektiv aufgebaut, mal steht nur Unwichtiges drin, mal muss er sich an einem Tag in zu viele brisante Themen zur Vorbereitung einlesen. Blablabla. Heute entzündet sich sein Widerspruchsgeist halt am Charakter des Gesprächspartners. Dabei ist der Kamerad wichtig, Vorsitzender einer großen berufsständischen Vereinigung von Freiberuflern in der Stadt und beim letzten Mal eifriger Wahlkampfspender für den Chef.

Überhaupt frage ich mich, was der Bürgermeister gegen Langweiler hat. Und was ist ein Langweiler überhaupt? Zuletzt hörte man ja nur Gutes über Langweiler: Langweiler leben länger und sie sind besser aus der Finanzkrise gekommen. Wie das?

Laut einer Langzeitstudie sind weder Sport noch ausgewogene Ernährung die Schlüssel zu einem langen Leben, sondern Tugenden wie Verlässlichkeit, Disziplin, Maß, Selbstbescheidung und Zurückhaltung – also all die Eigenschaften, die man mit einem Langweiler verbindet. Die graue Maus, die ein geregeltes Leben führt, keine Extravaganzen braucht und das Risiko eher scheut, wird in dieser Ruhe und Unaufgeregtheit älter und bleibt dabei gesünder als der extremsportelnde Veganer, der mit seinen Rafting-Touren und Wüstendurchquerungen der Liebling jeder Abendgesellschaft ist. Offensichtlich schätzt unser Organismus Gleichförmigkeit und den Ausgleich mehr als Belastungsspitzen und Adrenalinstöße.

Ganz ähnlich scheint es mit der Geldanlage zu sein. Konservative Anleger oder Fonds ohne große Risikoneigung, die auf festverzinsliche Wertpapiere solventer Schuldner setzen, bei Aktien nur Substanzwerte kaufen und alle Finanzprodukte meiden, die sie nicht verstehen oder die das gleiche Chancenprofil wie Lotterielose haben, sind durch die Weltfinanzkrise und die derzeitige Staatsschuldenkrise durchweg mit Gewinn gekommen, während fleißige Käufer von Risikopapieren oder Anleger bei Inselbanken mit Renditeversprechen aus dem Märchenbuch teils saftige Verluste einkassiert haben. Wenn man so will, sind die Sparkassen und Genossenschaftsbanken ohne viel Glamour und Aufhebens als Investmentstars aus der ganzen Matsche hervorgetreten.

Soviel also zum Thema Langweiler und die Vorurteile meines Chefs gegen solche Leute. Das sind Siegertypen im Schafspelz! Klar, unterhaltsam ist es nicht, wenn vom Wanderurlaub in Südtirol und der netten Pension am Neusiedlersee im Sommer erzählt wird. No action. Aber, seien wir mal ehrlich: Haben wir nicht eigentlich alle miteinander genug vom Außergewöhnlichen? Heute kann man sich doch jedes Abenteuer pauschal und mit Reiserücktrittversicherung kaufen, vom Tripp an den Polarkreis über die Wanderung im Himalaya bis hin zur Kanutour von einer Südseeinsel zur anderen. Was ist denn am Abenteuer noch authentisch? Und wer will noch die Geschichten vom tollen Job und den gigantischen Herausforderungen im Finanzbusiness hören, wenn sich die Branche am Ende so darstellt, dass ein Haufen überforderter Jünglinge ganze Volkswirtschaften ins Trudeln bringt?

Mein Chef, der Bürgermeister, wehrte schwach ab. Alles, was ich sagte, habe sicherlich einen wahren Kern. Aber es sei nun einmal etwas anderes, über Langweiler und ihre Vorzüge zu philosophieren oder mit ihnen eine Stunde oder mehr über ein Mittagessen mit Vorspeise und Nachtisch hinwegkommen zu müssen. Da scheint Samuel Beckett auf dem heutigen Kalenderblatt den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben: „Unsere Zeit ist so aufregend, dass man die Menschen eigentlich nur noch mit Langeweile schockieren kann.“

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(GZ-06-2012)