Bruno der Bär im Zentrum der Aufmerksamkeit
Neues von Sabrina - GZ-13-06
Donnerstag, 6. Juli 2006

sabrina.jpgGestern hat mein Chef gesagt ...

„Wenn es mit dieser Hitze so weiter geht, berufe ich die nächste Ratssitzung im Biergarten unter den großen Kastanien ein.“ Mein Chef, der Bürgermeister, wusste mal wieder nicht, wie er sich bei der drückenden Schwüle im Dienstzimmer einigermaßen Kühlung verschaffen sollte.

Ich weiß nicht, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, die letzten schwülheißen Tage verbracht haben.

 

Nachdem das Wetter pünktlich zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft übergangslos von „arktisch“ auf „subtropisch“ umschaltete, hatte der Körper ja gar keine Zeit, sich auf den Sommer so richtig einzustellen. Im Rathaus jedenfalls hätte man einen Film nach einer Romanvorlage von Joseph Conrad oder Rudyard Kipling drehen und jeder einzelne von uns hätte überzeugend einen schwitzenden Kolonialbeamten spielen können.

Wenn es eines überzeugenden Beweises bedurft hätte, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war, dann hat ihn der Juni geliefert. Temperaturen wie sonst Anfang August und trotz Weltmeisterschaft sowie hektischster Betriebsamkeit im politischen Berlin eine zu Herzen gehende Sommerloch-Tiergeschichte. Bruno der Bär und nicht Steinbrück der Steuererhöher füllte die Seiten der Gazetten und errang fast mehr Aufmerksamkeit als Poldi, Schweini und Klinsi oder wie die Recken des neuen deutschen Selbstbewusstseins so putzig heißen.

Zwar meinten kundige Zeitgenossen, der Bär mit dem englischen Decknamen „JJ one“ hätte Migrationshintergrund, weil er slowenische Eltern und ein italienisches Zuhause habe. Ich sage aber: Er war ein echter Bayer. Gemütlich und stattlich anzusehen, ausdauernd und trittfest in unwegsamen Gelände, schneidig und ohne Respekt vor der Obrigkeit. In einem Land, in dem seit hundert Jahren das Jennerwein-Lied ein Evergreen ist und in dem ein Franz-Xaver Krenkl wegen seiner Unbotmäßigkeit dem König gegenüber (wer ko’, der ko’) Kultstatus genießt, muss ein Bär Respekt finden, der sich seiner Häscher nicht achtend vor einer Polizeistation schlafen legt, auf amerikanische Fallen nicht reinfällt und seine finnischen Verfolger im Hochgebirge schlicht versägt. Ein starker Anarch also, der erst von bayerischen Waidmännern zur Strecke gebracht wurde, was das Ansehen der Jäger weder in Öko-Teestuben noch Kinderzimmern gehoben hat - obwohl eigentlich jeder wissen sollte, welch wichtige Rolle die Jäger für das ökologische Gleichgewicht in unseren Wäldern haben.

Bei all der Bruno-Mania hatten die besonnenen Stimmen fast keine Chance, die die Frage stellten, ob wir überhaupt bereit wären, unseren zivilisationsgeprägten Lebensraum mit einem Tier zu teilen, das frei seinen Instinkten folgt und über beträchtlich mehr Kraft verfügt als der Mensch. Denn so innovativ die Wortschöpfungen vom Normalbären über den Problembären hin zum Schadbären waren - es liegt nun mal in der Natur eines Bären, Bienenvölker auszuplündern und in ungeschützt weidenden Schafherden ein Selbstbedienungsrestaurant ohne Kassenschalter zu sehen.

Mein Chef, der Bürgermeister, war jedenfalls heilfroh, in der heiklen Sache Bruno keine Entscheidungen fällen zu müssen. Über unser gebrochenes Verhältnis zur Natur nachzudenken, lohnt sich seiner Meinung nach aber allemal. Denn anders lässt es sich nicht nennen, wenn die halbe Nation glaubt, ein kraftstrotzendes Wildtier könne ohne weiteres hier leben, ohne dass auch wir unser Verhalten an die Tatsache seiner Existenz anpassen müssen. Vielleicht ist es doch keine Ironie, dass der ausgestopfte Bruno in das Museum „Mensch und Natur“ soll, sondern dort könnte der richtige Ort sein, über dieses Spannungsverhältnis nachzudenken. Einstweilen lege ich dem Bürgermeister das heutige Kalenderblatt hin. Den Satz von Winston Churchill können sich wechselseitig die Bärenfreunde und die Bärenskeptiker vorhalten: „Uns Menschen ist es zwar gelungen, das Raubtier in uns auszuschalten, nicht jedoch den Esel.“

sabrina_unterschrift.jpg