Energiewende in den Städten und Gemeinden
Mittwoch, den 29. Februar 2012 um 01:00 Uhr
Gemeinsame Tagung des Bayerischen Städtetages, des VKU und der Bayerischen Akademie für Verwaltungs-Management GmbH in Nürnberg

Bund und Land haben die politischen und rechtlichen Weichen für die Energiewende gestellt. Die Herausforderungen sind hoch, der Erwartungsdruck an Städte und Gemeinden und ihre Unternehmen ist groß. Über die aktuellen politischen Entwicklungen, die wesentlichen Rechtsänderungen, die Finanzierungsmodelle und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene informierte die Nürnberger Tagung „Umsetzung der Energiewende in Städten und Gemeinden“.

Gemeinsame Veranstalter der Tagung waren der Bayerische Städtetag, der VKU-LG Bayern, die Arbeitsgemeinschaft der Bayerischen Energieagenturen und die Bayerische Akademie für Verwaltungsmanagement. Im fachlichen Teil der Konferenz präsentierten hochkarätige Referenten das Vorgehen bei der örtlichen Energieplanung, die aktuelle Rechtslage zu Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie Finanzierungsmodelle und neue Formen der Zusammenarbeit auf der Ebene der Kommunen und ihrer Unternehmen.

Vorreiterkommune Lauf

Die Stadt Lauf zählt zu den Vorreiterkommunen in Bayern bezüglich der Umsetzung der Energiewende u. a. mit eigenen Förderprogrammen. Laut Erstem Bürgermeister Benedikt Bisping wurde im Jahr 2010 ein Integriertes Klimaschutzkonzept erstellt. Zusätzlich wurde in Lauf die Stelle eines Klimaschutzbeauftragten geschaffen, gefördert durch das Bundesumweltministerium für drei Jahre. Seine Aufgabe ist es, die Umsetzung der Maßnahmen aus dem Klimaschutzkonzept voranzutreiben sowie ein Energie- und Klimaschutzcontrollingsystem aufzubauen und zu pflegen.

Zahlreiche Aktivitäten


Weiterhin gibt es vielfältige Aktivitäten für eine nachhaltige Mobilität (z. B. Verbesserung der Bahnanbindung, Fördern von innerstädtischer Mobilität ohne Auto, mehr Raum, bessere Wege und Vorrang für Fußgänger und Radfahrer, Ausbau des Stadtbussystems, Anregen von umweltverträglicher Mobilität für Ein- und Auspendler). Die Stadt Lauf gehört darüber hinaus auch zu den Initiatoren der „Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommunen in Bayern“.

Wichtig für die Energiewende ist Bisping zufolge die Nutzung der Abwärme von Gewerbebetrieben. So hat er ein innovatives Nahwärmenetz auf den Weg gebracht. Energiequelle ist dabei die Abwärme der Laufer Keramikindustrie. Als beispielhafte Projekte der Stadt nannte der Rathauschef u. a. die Biomasseheizung für das Laufer Schulzentrum sowie die Bürgeranlage geplante Wasserkraftschnecke in der Pegnitz.

Laut Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Gerhard Hausladen vom Lehrstuhl für Bauklimatik und Haustechnik, TU München, der sich mit dem Thema „Energienutzungspläne – Energieleitplanung“ befasste, verhält es sich bei Energiekonzepten wie mit guter Architektur: Für den jeweiligen Ort sowie für die Bewohner und Nutzer muss ein spezifisches Konzept entwickelt werden. Sein Lehrstuhl habe den sog. Energienutzungsplan kreiert. Dieser koordiniert als Masterplan die einzelnen Energiekonzepte in der Kommune und stimmt sie mit den regionalen Energiepotentialen ab.

Energienutzungsplan

Mit einem Energienutzungsplan können Gemeinden zusammen mit den Grundeigentümern und Versorgungsunternehmen eine fundierte, transparente und längerfristige Energiepolitik betreiben. Der Energienutzungsplan stellt - ähnlich wie der Flächennutzungsplan - im raumplanerischen Maßstab die zukünftige energetische Entwicklung im Bereich der Maßnahmen zur Energieeinsparung und regenerativen Energieversorgung dar.

Der Energienutzungsplan basiert auf einer detaillierten Analyse des Ist-Zustandes von Energieverbrauch und Energieversorgung mit Ausblick auf absehbare Entwicklungen. Dabei wird die Gemeinde auf die Energiedichte der privaten und öffentlichen Gebäude sowie der Gewerbe- und Industriebetriebe hin untersucht, wie Hausladen erläuterte.

Ismaninger Projekt

Bei einem gemeinsamen Projekt des Lehrstuhls für Bauklimatik und Haustechnik mit der Gemeinde Ismaning bei München beispielsweise wurden der Gebäudebestand, zukünftige Neubauten und das Sanierungspotential ebenso wie die Zunahme der Einwohner und eine Steigerung der Komfortbedürfnisse z. B. ein höherer Wohnraumbedarf pro Einwohner und damit ein höherer Heizenergieverbrauch berücksichtigt. Hinzu kam die Untersuchung und Bewertung der Ausbaufähigkeit bereits vorhandener Energieversorgungsanlagen und noch nicht oder nicht in diesem Umfang genutzter Energiequellen wie z.B. Biomasse oder Geothermie.

Einen detaillierten Überblick zu den Beteiligungsformen von Bürgern gaben Andrea Bastian vom Sparkassenverband Bayern und Franz Schonlau, BayernGrund. Bürgerbeteiligung braucht nach deren Auffassung eine maßgebliche Mitwirkung der Kommune, weil diese u. a. Gewähr bietet für eine seriöse Kalkulation und Konzeption des Beteiligungsmodells, sie eine Anschubfinanzierung und Grundkapital zur Verfügung stellen kann, weil nur die Kommune Gewähr für die Sicherung der regionalen Wertschöpfung bietet, sie ihre Verwaltungsinfrastruktur einsetzen kann und ihr im Rahmen der Energiewende und der Hinwendung zur dezentralen Energieversorgung ohnehin eine maßgebliche Rolle zufällt.

Bürgerkapital

Als Möglichkeiten der Einbindung von Bürgerkapital nannten Bastian und Schonlau die Kommune als alleinigen Investor für ihre Bürger, Beteiligungsmodelle sowie Anlagemöglichkeiten ohne unternehmerische Beteiligung (feste Verzinsung, kein Risiko). Dazu zählten der Öko-Sparkassenbrief, Genussscheine und Anleihen (Bonds).

„Klima-Sparkassenbrief“


Wie der Vorstand der Erlanger Stadtwerke AG Matthias Exner erläuterte, haben Stadt- und Kreissparkasse Erlangen und die Erlanger Stadtwerke AG im Juni 2011 mit großem Erfolg das gemeinsame Finanzprodukt „Klima-Sparkassenbrief“ aufgelegt. Mit dem auf fünf Jahre angelegten festverzinslichen Sparbrief konnten Kunden der Erlanger Stadtwerke ihr Geld ohne Kursrisiko gut verzinst anlegen. Gleichzeitig unterstützen sie damit den Ausbau regenerativer Energieerzeugung.

Das Gesamtvolumen des Klima-Sparkassenbriefes betrug 6,6 Mio. Euro. Pro Kunde konnten mindestens 3.000 bis maximal 10.000 Euro angelegt werden. Den Zinssatz in Höhe von 3,5 % p. a. gab es für eine Laufzeit von fünf Jahren.

Die Stadt- und Kreissparkasse Erlangen organisierte den Verkauf, sorgte für die ordnungsgemäße Verwaltung der Klima-Sparkassenbriefe und stellte den Stadtwerken anschließend das Kapital zweckgebunden zur Verfügung.

Der Energieversorger erhält von der Sparkasse das in den Klima-Sparkassenbrief angelegte Kapital, das komplett in einen neuen Windpark in der Nähe von Bad Kissingen investiert wird. Der Windpark besteht aus drei Windrädern mit einer Nabenhöhe von 105 Metern und einer Nennleistung von insgesamt 6 Megawatt nebst der zugehörigen Infrastruktur. Die Windkraftanlagen speisen seit vergangenem Jahr regenerativ erzeugten Strom in das Netz des zuständigen Energieversorgers. Die jährliche Nettostromeinspeisung beträgt rund 10,5 Mio. Kilowattstunden, genug für ca. 3.000 Privathaushalte.

Energieallianz Bayern

Als Partner der lokalen und regionalen Gemeinden, Bürger und Wirtschaft versteht sich Joachim Martini zufolge die Energieallianz Bayern GmbH & Co. KG. mit Sitz in Freising. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von derzeit 29 Unternehmen, meist bayerischen kommunalen Stadtwerken. Die Vorteile einer Zusammenarbeit mit EAB seien langfristig verträgliche Lösungen sowie der Verbleib von Wertschöpfung in der Region.

Die EAB wurde im Jahre 2009 ursprünglich mit dem Ziel gegründet, Laufwasserkraftwerke am Inn zu erwerben. Inzwischen hat sich die Energieallianz Bayern neu aufgestellt, aber an ihrem grundsätzlichen Ziel festgehalten. So wollen ihre Gesellschafter in den nächsten Jahren Projekte zur regenerativen Stromerzeugung realisieren, damit sie unabhängiger von den volatilen Strombeschaffungsmärkten werden und ihre Kunden auch zukünftig mit bezahlbarem Strom und klaren Herkunftsnachweis versorgen können. Durch die Ausrichtung auf die erneuerbaren Energien inklusive Kraft-Wärme-Kopplung wird ein wertvoller Beitrag zum Klimaschutz geleistet.

Windpark Zieger

Im Oktober 2010 wurde durch den Erwerb eines bayerischen Waldwindparks mit 11,5 Megawatt Leistung 15 Kilometer südöstlich von Neumarkt in der Oberpfalz ein erster Schritt zu diesem Ziel getan. Speziell für mittlere Windstärken konzipiert, versprechen die fünf Windräder im Windpark Zieger mit ihrer großen Nabenhöhe und entsprechendem Rotordurchmesser auch im Binnenland optimale Ertragswerte in der 2,3-MW-Klasse. Die Inbetriebnahme der ersten Anlage im oberpfälzischen Staatsforst erfolgte Anfang September 2011, inzwischen sind alle am Netz.

Regionaler Bezug

23 Millionen Kilowattstunden sauberer Windstrom sollen durchschnittlich im Jahr „geerntet“ und auf die Gesellschafter verteilt werden. Diese können ihren Anteil gegen EEG-Vergütung ins Netz einspeisen oder ihren Kunden direkt verkaufen. Mit der Lage in der Oberpfalz hat der Windpark für die Mehrzahl der Beteiligten einen starken regionalen Bezug, was auch beim Verkauf des Stroms an die Stadtwerke-Kunden von Vorteil sein kann. DK

(GZ-05-12)