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Gestern hat mein Chef gesagt ...
„Aus und vorbei – Hauptsach’ aber, wir war’n dabei.“ Oh je! Mein Chef, der Bürgermeister, schmiedet in seiner Begeisterung Verse, die so schief sind wie der Ton einer Vuvuzela. Dabei will er doch nur ausdrücken, wie es uns allen geht – wir vermissen die WM.
War das nicht herrlich? Wochenlang gab es immer etwas „in ein paar Tagen“, auf das man sich freuen und hinfiebern konnte: Auf das nächste Spiel der deutschen Mannschaft, ob die Schweizer vielleicht nach Spanien noch einen Favoriten schlagen, ob die sympathische südafrikanische Gastgebermannschaft wenigstens ein Spiel mal gewinnt.
Nicht zu vergessen, dass die WM ein unerschöpfliches Reservoir für Small-talk war. Ob in der Kantine oder im Bus, ob auf einem Stehempfang oder in der Theaterpause, egal ob das Gegenüber FCB-Fan oder Clubberer war: Man hatte immer brandfrischen Gesprächsstoff. In Deutschland waren 82 Millionen Nationaltrainer für fast jedes Land außer Nordkorea am fachsimpeln, einschätzen, wägen, Chancen suchen, Aufstellungen diskutieren und Offensivstrategien austüfteln. Wie wohltuend abwechslungsreich und amüsant gegenüber dem ewigen Reden vom Wetter – vor der WM, weil es zu kalt und nass war, nach der WM, weil es zu heiß und trocken ist.
Die Deutschen waren selig, wieder einmal auf moderne, unverkrampfte und offenherzige Weise zu zeigen, dass auch sie Patrioten sein können. Die Autofahnen sind ja mittlerweile ein gewohnter Anblick; die Männer, die Nationaltrikots über ihre Bierbäuche ziehen, wohl ein hinzunehmendes Übel. Aber pfiffig und trendig fand ich eine Frau, die zum schwarzen Top die Deutschland-Fahne als Wickelrock trug. Sah echt klasse aus.
Wir haben uns in vielerlei Hinsicht von unserer besten Seite gezeigt. Eine Popband konnte die verballhornte Landesbezeichnung „Schland“ in die Welt setzen und niemand verkündete den Untergang des Abendlandes. Bei der Schiedsrichter-Fehlentscheidung des nicht gegebenen Tors für England waren die Proteste bei unseren Fans fast lauter als bei den Insulanern. Deutschland war gut drauf und hat sich mit sich und den anderen über schöne Spiele und tolle Siege gefreut. Bis dann ganz zum Schluss die Spaßbremsen (ich vermeide jetzt mal das Wort Reichsspaßbremse, um nicht statt auf die vorletzte Seite in die Schlagzeilen zu kommen) wieder sauertöpferten und beschlossen, dass ein dritter Platz kein Grund zum Feiern wäre und deshalb ein großer Empfang für die Nationalmannschaft ausfiel. Schland, oh Schland, kann ich da nur sagen. So mancher Bronze-Medaillen-Gewinner bei Olympia freut sich den Wolf und wird zum Ehrenbürger seiner Gemeinde erklärt. Aber wenn die Nationalmannschaft zur drittstärksten der Welt (und gleichzeitig der drittstärksten Europas) wurde, ist nicht mal ein kleiner Autokorso drin.
Überhaupt unsere Nationalmannschaft: Jung, dynamisch, erfolgsorientiert. Voller Teamgeist, Spielwitz und Motivation. Integrationsgewinner und Führungspersönlichkeiten. Auch Stil und Eleganz sind nicht zu kurz gekommen. Nein, ich habe mich weder in Müller noch Özil verguckt, sondern nur Attribute aneinandergereiht, mit denen die Presse aufgemacht hat – die aber auch irgendwie eine Metapher für das sind, wie wir Deutschland sehen, was wir von unserem Land erwarten oder zumindest, wie wir es uns wünschen. Die „bunte Republik“ des Bundespräsidenten und Seehofers „Chancenland“ in einem!
Mein Chef, der Bürgermeister, hängt noch ein bisschen seiner WM-Nostalgie nach. Aber er weiß: Alles Schöne muss zu Ende gehen, damit es etwas Besonderes bleibt. Hauptsache, es wirkt etwas nach: Der Optimismus, die Fröhlichkeit und die Fairness dieser Wochen sind Eigenschaften, die wir in der Gesellschaft an 365 Tagen im Jahr gut brauchen können. Und wer immer noch dem Finale nachtrauert, dem zeigt der Chef das heutige Kalenderblatt mit einem Satz Barack Obamas: „Zu den tollsten Dingen im Sport zählt, dass man ein gutes Spiel spielen und trotzdem verlieren kann.“
(GZ-14-10)
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