|
Liebe Leserinnen und Leser,
wir diskutieren voller Inbrunst und mit großem Einsatz über die Kindergarten- und Schulsituation, über Arbeitsplätze und Infrastruktur, Bauprogramme und Kommunalfinanzen. Vergessen wir nicht manchmal, mehr an die Tugenden und Grundwerte unserer christlich geprägten Heimat zu denken? Müssen wir uns nicht öfter bewusst machen, was unsere Wurzeln, die Verbundenheit zur Familie, das Miteinander und den eigenen Lebensmittelpunkt ausmachen?
Ein Gespräch, das die Zukunftskommission, der ich angehöre, mit dem Abt von St. Bonifaz in München und Kloster Andechs, Dr. Johannes Eckert, führte, hat mir dies wieder einmal deutlich gezeigt.
„Die Benediktsregel und ihre Aktualität für unsere heutige Zeit“ war unser Thema. Die Mönche des Benediktinerordens bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation. Dabei sind die Prinzipien, die der heilige Benedikt - wohlgemerkt im 6. Jahrhundert - festlegte, für sie hilfreich. Auch die Politik kann sich daran orientieren!
Eine Parallele zwischen den Benediktinern und unserer Politik ist das Denken und Leben im Miteinander mit der klaren Vorgabe, dass Entscheidungen „von unten“ wachsen müssen, d. h. von der kleineren Einheit her. Im Orden äußert sich das praktisch in einer großen Autonomie der Klöster, in der Politik sprechen wir vom Subsidiaritätsprinzip.
Die Grundüberzeugungen des heiligen Benedikt faszinieren mich in Bezug auf ihre Gemeinsamkeit mit Politik und Demokratie. Dabei ist zu bedenken, dass Prinzipien und Werte orts-, kultur- und zeitgemäß verstanden und umgesetzt werden müssen.
Die Benediktsregel hat bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Modern übersetzt geht es also um Menschenführung im Dialog und in der Gemeinschaft. Das Gehorsamsgebot ist auszulegen als gegenseitiges Zuhören und nicht im Sinne des bedingungslosen Gehorchens. Kommunikation versteht sich als verständiges und verständliches Erklären und Führung geschieht durch Vorbildfunktion im Reden und Handeln.
Tradition und Innovation bedeutet demnach sowohl bei den Benediktinern als auch für uns: Das Gute bewahren, Traditionen fortführen, wenn sie einem guten Zweck dienen. Und wenn der ursprüngliche Zweck entfallen ist, die Tradition aber als schön und erhebend empfunden wird, ist sie auch gerechtfertigt.
Trotz des öffentlich wahrnehmbaren Ringens der Politik und der Parteien um die richtigen politischen Antworten auf Sachfragen haben ethische Fragen einen höheren Stellenwert, als man manchmal einräumt, sind wichtig und prägen unsere Kultur.
Ihr
Stefan Rößle
(GZ-14-10)
|