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KPV-Landesvorstand und Hauptausschuss: Wieviel Erde braucht der Mensch? |
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Montag, 12. Juli 2010 |

Das Podium der jüngsten KPV-Sitzung (v. l.): Landesvorsitzender Stefan Rößle, stellvertretender Vorsitzender Georg Huber und Landesgeschäftsführer Werner Bumeder. r
Ganz im Zeichen nachhaltiger Energiepolitik stand die jüngste Landesvorstands- und Hauptausschuss-Sitzung der Kommunalpolitischen Vereinigung der CSU im Bürgerhaus in Garching. Nach einem Rundgang über das Energie-Forum der Bayerischen GemeindeZeitung unter dem Motto „Power für Bayerns Kommunen“ (wir berichten darüber gesondert in Ausgabe 14) und einem kurzen Bericht des Landesvorsitzenden Stefan Rößle befasste sich Prof. Dr. Armin Reller von der Universität Augsburg in seinem höchst informativen Vortrag mit der Frage „Wieviel Erde braucht der Mensch?“
Prof. Reller, gebürtiger Schweizer, war von 1988 bis 1992 Koordinator des Faches Umweltlehre an der Universität Zürich. 1992 übernahm er den Lehrstuhl für Anorganische und Angewandte Chemie an der Universität Hamburg und ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Festkörperchemie der Universität Augsburg. Reller ist Leiter des Schweizer Programms für Wasserstoff/Solarchemie und regenerative Energieträger und Vorstandssprecher des Wissenschaftszentrums Umwelt.
Parabel vom Bauern Pachom
Das Thema seines Festvortrags hatte sich der Chemiker und Umweltwissenschaftler vom russischen Schriftsteller Leo Tolstoi entliehen. In der gleichnamigen Geschichte aus dem Jahre 1885 erzählt dieser die Parabel vom Bauern Pachom, der vom „glücklichen und stolzen“ Landbesitzer zum streitsüchtigen Nimmersatt wird. Am Ende wird Pachom seine Gier zum tödlichen Verhängnis. Reller führte in seinem Referat aus, wie diese Parabel aus heutiger Sicht zu lesen ist und wie man dem Schicksal Pachoms entrinnen kann.
Die Mitteleuropäer pflegen nach Rellers Aussage einen Lebensstil, der durch die alltägliche Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, Energieträgern und Gerätschaften aus aller Herren Länder einen historisch noch nie da gewesenen Standard erreicht hat. Dabei könnten sie sich den zweifelhaften Luxus leisten, sich weder um die Produktionsweisen noch um die zukünftige Versorgung kümmern zu müssen. Das Verhalten sei dem von unbedarften Neokolonialisten gleichzusetzen, die nicht wissen wollen, „wie viel Wasser, Boden, Energieträger und Bodenschätze von global verteilten Produktionsstandorten unser Konsum beansprucht“.
Abhängigkeiten
In einem PC-Flachbildschirm zum Beispiel steckten über 50 verschiedene Metalle. Auch ein Handy trage diverse Metalle in sich – und davon würden 1,3 Milliarden Stück pro Jahr verkauft. Und so fragte sich Reller: „Wie lange kann das gut gehen? Welche Strategien stehen uns zur Minderung dieser Abhängigkeiten und Risiken zur Verfügung?“ Ein Problemkreis, der alle angehe, weil die Gesellschaft inmitten dieses noch recht jungen Phänomens stecke.
Angepriesene Kolonialwaren der Moderne, innovative High-tech-Produkte und der unerschütterliche Glaube an permanentes Wachstum verstellten den Blick auf die wechselseitigen Abhängigkeiten von Entwicklung und Ressourcen, stellte der Wissenschaftler fest. So werde die Landwirtschaft mehr und mehr zu einem globalen Risikofaktor: Agrochemikalien und Maschineneinsatz zerstörten geplagte Böden, Monokulturen die Artenvielfalt.
Kontraproduktivität
Nicht nur die Energiebilanz rutsche dabei in die roten Zahlen, auch die daraus resultierende Treibhausgasfracht sei erschreck-end hoch. Die noch vor kurzem hoch gepriesene landwirtschaftliche Erzeugung von Biotreibstoffen - verdeutlicht am Negativbeispiel der indonesischen Palmölproduktion und von deren teilweise staatlich subventionierter Nutzung als Treibstoff stehe zunehmend für eine unbedachte Anbauweise mit kontraproduktiven Auswirkungen.
Rohstoffe zurückgewinnen
Der Planet im Fiebertaumel. Auch die Hoffnung, mittels Recyc-ling Indium oder andere essenzielle Metalle zurückzugewinnen, zerrinnt laut Reller in Anbetracht der undurchsichtigen Weiterverwertung von Elektronikschrott: Viele elektronische Geräte würden zwar eingesammelt, dann aber über legale wie illegale Kanäle nach Afrika, Indien oder China verfrachtet. Je nach Standort würden dort unter oftmals katastrophalen Arbeitsbedingungen durch Abbrennen und manuelles Entfernen aller übrigen Materialien wenige Hauptbestandteile, vor allem Kupfer, gewonnen. Dass es in Europa, Japan oder Nordamerika trotz der hohen Lohnkosten gelingt, eine rentable Wiederverwertung von strategischen Metallen zu ermöglichen, ist nach Rellers Dafürhalten wenig wahrscheinlich.
Funktionsmetalle
Die Nutzung des Platins im Autoabgaskatalysator wiederum führe zu einem zumindest teilweisen Austrag und dementsprechend zu einer Feinverteilung in der Bio-sphäre, wobei nicht bekannt ist, ob entsprechende lösliche Platinspezies oder Platin-Nanopartikel bioaktiv sind. Dieses Phänomen bedeutet, so der Wissenschaftler, dass die Verdünnung in der Umwelt derart hoch ist, dass eine Rückgewinnung ausgeschlossen ist. Abgesehen von nicht bekannten unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen und Tieren sowie von veränder-ten Wachstumsbedingungen für Pflanzen und dadurch betroffenen Stoff- und Nahrungsketten gingen durch diese Produktions- und Nutzungsweise wertvolle Funktionsmetalle für immer verloren.
Nach Rellers Worten ist dies nicht nur „ökonomischer und ökologischer, sondern geradezu historischer Unfug“, handle es sich doch um essenzielle Materialien für Zukunftstechnologien, im Fall von Platin zum Beispiel als Katalysator für die Wasserstoff-Brennstoffzelle.
Abhängigkeit
Die Tragweite der Abhängigkeit Europas vom Import strategischer Rohstoffe lässt sich nach Rellers Auffassung nur mit einer geografischen Verortung und geopolitischen Bewertung der globalen Rohstoffvorkommen erfassen. Daraus zeige sich, dass viele für Hightech-Produkte und -Prozesse unabdingbare strategische Metalle nur in wenigen Minen gefördert werden, die Minenstandorte oft in politisch wenig verlässlichen Regionen liegen oder aber Monopolstellungen einzelner Länder vorherrschen. So verfüge China über mindestens 90 Prozent der für die Beleuchtungsindustrie als Leuchtstoffe verwendeten sog. Seltenerdmetalle. Sie werden sowohl in konventionellen Leuchtkörpern als auch für die zukunftsträchtigen, hohe Energieeffizienz versprechenden LED-Systeme benötigt.
Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind Reller zufolge erheblich: Ein Grossteil der Leuchtkörper wird in China gefertigt. Damit sind Großproduzenten mit der unangenehmen Tatsache von oft schwankenden, nicht voraussehbaren Exportzöllen konfrontiert. Umgekehrt verfügt China in nicht ausreichendem Ausmaß über Kupfer. Dieses Defizit werde mit einem sich deutlich manifestierenden Engagement in Afrika, insbesondere in Ländern mit reichen Kupfervorkommen, kompensiert, wobei die jeweils vorherrschenden politischen Verhältnisse mit dem für die Projektierung notwendigen Pragmatismus akzeptiert würden.
Logistikaufbau
Fazit: Volks- und betriebswirtschaftlich lohnt es sich, so der Wissenschaftler, aufgrund der gewonnenen Befunde möglichst frühzeitig eine Logistik zu entwickeln, die es durch vorausschauende, weltwirtschaftliche Methoden ermöglicht, zumindest die strategischen Rohstoffe in einer Stoffkreislaufwirtschaft zu integrieren. Dies erfordere u. a. eine den Anforderungen entsprechende Ausbildung aller Akteure.
Erst das Zusammenspiel zwischen recyclingfreundlichem, ökoeffizientem Produkt- und Prozessdesign sowie dem weitsichtigen Erkennen essenzieller Lebensbedürfnisse könne Garant des wirtschaftlichen Wohlstands sein. In diesem Sinne seien Rohstoffe verlässliche Indikatoren für zukunftsweisende, auch die nachfolgenden Generationen gerecht werdende Lösungswege.
DK (GZ-13-10)
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