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Gestern hat mein Chef gesagt ...
„Wenn es irgendwo in Urumqi, Taschkent oder Omaruru einen Internet-User interessiert, wie es bei uns ums Rathaus herum ausschaut, dann soll er es sich doch in Gottes Namen ansehen können.“
Mein Chef, der Bürgermeister, argumentierte im Stadtrat gegen den Antrag einer Bürgerinitiative, die die Stadt aufforderte, der Veröffentlichung von Bildern aus dem Städtchen durch Google Street View zu widersprechen..
Da haben einige Leute, die ansonsten bedenkenlos ihre persönlichen Daten für die paar Glasperlen aus Rabattkartenprogrammen frei zu Markte tragen, die Parole nachgeplappert „Vorsicht vor big brother Google“, weil der angeblich den Datenschutz gefährdet. Dabei ist Street View eigentlich eine clevere Sache: Wer mit Hilfe von Google Maps eine bestimmte Adresse sucht oder sich auf einem Stadtplan von Punkt A nach Punkt B leiten lassen will, der kann neben dem Karteneintrag auch eine Ansicht der Umgebung des Ziels bzw. der Strecke auf Oberflächenniveau aufrufen. Virtuell steht man also zum Beispiel auf unserem Marktplatz, sieht das Rathaus und kann sich dann per Mausklick um 360° drehen. Nach und nach tauchen das Obere Tor, das Kaufhaus, das Stadtmuseum, die Alte Post auf, man erkennt im Winkel unsere Pfarrkirche und schwenkt dann wieder auf das Rathaus. Perfekt.
Möglich wird dies, weil die Plätze und Straßen der Stadt systematisch fotografiert werden. Und da liegt des Pudels Kern. Viele Leute fühlen sich in ihrer Intimsphäre verletzt, weil sie möglicherweise zu einem unbestimmten Zeitpunkt an irgendeinem Ort möglicherweise geknipst und dieses Foto gegebenenfalls per Street View jetzt für die Öffentlichkeit zugänglich sein könnte. Obwohl Gesichter, Autokennzeichen und sonstige individuelle Merkmale von Google verzerrt werden. Ich sage nur: Dann muss man auch allen japanischen und sonstigen Touristen, die in unser idyllisches Städtchen kommen, die Digitalkameras und Camcorder am Ortseingang abnehmen. Die schießen Bilder wie die Wilden und lichten im Laufe einer Sommersaison mindestens die Hälfte der Bevölkerung mehrmals als Beiwerk (Passanten, Einkäufer oder Flaneure) auf ihren Fotos von Rathaus, Stiftskirche und Stadtschloss ab. Ich möchte nicht wissen, wie viele dieser Bilder auf Facebook und Co. oder privaten Familienseiten landen.
Aber bei Google wird, warum auch immer, etwas Böses unterstellt. Vielleicht, weil die Firma mit dem neuen Dienst Geld verdienen will? Na und – wenn sie eine gute und sinnvolle Dienstleistung anbietet, dann soll sie auch was dafür kriegen. So ist es mit Google Earth ja auch, der Draufsicht auf die Welt bis hin in jedes einzelne Dorf. Es war doch die Revolution für Häuslekäufer, dass man heute vom Makler nicht nur ein Foto vom Haus und einen Grundriss gezeigt bekommt, sondern schon in der Phase des Sichtens der Angebote wie aus dem Heißluftballon über dem Objekt schweben und sich ein Bild von der Umgebung und Nachbarschaft machen kann.
OK, Google hat auch was für seinen schlechten Ruf getan. Das Vorhaben, die Bestände ganzer Bibliotheken ohne Rücksicht auf Urheberrechte einzuscannen und dann in einer digitalen Bibliothek zugänglich zu machen, war dreist, ja unverschämt. Aber der Gedanke als solcher, praktisch alle Bücher der Welt irgendwann einmal digital zur Verfügung zu haben und ohne Rücksicht auf Zeit, Ort oder Erhaltungszustand lesen zu können, hat doch was Faszinierendes. Ich glaube, die Gegner neiden Google neben dem phänomenalen geschäftlichen Erfolg vor allem, dass diese Leute super Ideen einfach etwas früher als andere haben und dann auch umsetzen.
Mein Chef, der Bürgermeister jedenfalls diskutiert hart mit den Street View-Gegnern. Jeder kann ja die Löschung des Bildes seines Hauses beantragen, aber die Stadt wird das sicherlich nicht tun. Vielleicht gelingt es ihm ja, den ein oder anderen zu überzeugen. Getreu dem Satz eines Gurus des kreativen Denkens, Edward de Bono, auf dem heutigen Kalenderblatt: „Wenn du nie eine Meinung änderst, weshalb hast du dann eine?“
(GZ-6-10)
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