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Neues von Sabrina - GZ-1/2-10
Mittwoch, 13. Januar 2010

sabrina.jpgGestern hat mein Chef gesagt ...

„So, wenn wir jetzt unseren Neujahrsempfang hinter uns haben, ist das neue Jahr schon wieder etabliert.“ Mein Chef, der Bürgermeister, feilt noch an seiner Neujahrsrede. Ganz oben in seinen Betrachtungen wird stehen, dass wir mit dem Jahreswechsel in eine neue Dekade eingetreten sind.

  
Oh Schreck, höre ich da einige stöhnen, die sich noch allzu gut an den Millenniums-Zirkus vor zehn Jahren erinnern, nicht schon wieder ein Herumreiten auf solcher Zahlenmystik. Dabei ist aus meiner Sicht so ein Jahrzehnt eine dem menschlichen Maß viel nähere Zeitspanne als ein Jahrhundert oder gar ein Jahrtausend. Zehn Jahre sind überschaubar und erlauben es, ebenso eine seriöse Bilanz zu ziehen, wie sich realistische Ziele zu setzen.

Wir alle erinnern uns wahrscheinlich noch sehr gut daran, wie unsere Lebensumstände vor zehn Jahren waren, was wir uns vorgenommen haben, was wir erreichen wollten, welche Menschen seit damals in unser Leben getreten sind und es bereichern, aber auch welche uns verlassen haben, so dass die Lücke schmerzt. Dagegen kann aber kaum ein Menschenleben ein Jahrhundert durchmessen, das mindestens drei Generationen umfasst. Nur einen Teil davon nehmen wir bewusst wahr, können es aus eigener Anschauung beurteilen und nur zu einem Teil können wir es in unserem Wirkungskreis mit aktiven Beiträgen mit gestalten. Und gar erst ein Jahrtausend! Was würde uns mit Menschen verbinden, die um 1010 lebten oder die 3010 leben werden? Ein Dialog der Stummen im wahrsten Sinne des Wortes. Man würde sich nicht verstehen, weil die ganze Lebenswirklichkeit, die Erfahrungen, Umstände und kulturellen Sichtweisen das Finden einer gemeinsamen Verständnisebene wahrscheinlich unmöglich machen würden.

Nein, nein, zehn Jahre entsprechen dem menschlichen Horizont weit eher, auch wenn das Ego der Menschheit natürlich darüber hinaus strebt. Bei Dekaden ist es übrigens anders als bei Jahrhunderten und Jahrtausenden, bei denen gestritten wird, ob deren Anfang von dem 00er oder 01er Jahr bestimmt wird, relativ einfach zu fassen: Steht eine 0 als letzte Ziffer der Jahreszahl, ist der Dekadenwechsel perfekt. Aber es gibt auch drollige Gemeinsamkeiten zwischen so einer einfachen Dekade, wir sie jetzt begonnen hat und großen Millennarien: Im Jahr 2000 hatte jeder kleine PC-Nutzer Angst vor der Vernichtung seines elektronischen Sklaven durch die Umstellung der Jahreszahlen von 19xx auf 20xx. Dieser Tage fluchen hunderttausende Plastikgeldfans, weil ihre kleinen Geldspeicher sich an der Umstellung von 2009 auf 2010 verschluckt haben. Irgendwie tröstlich für einen fehlbaren Menschen wie mich, der jetzt noch ab und zu mit dem Briefdatum patzt, dass auch hyperintelligente Programmierer an solchen Kleinigkeiten Schiffbruch erleiden.

Schließlich formuliert man Ziele gerne mit dem Blick auf Dekaden, so bei der Agenda 2010 oder dem Programm Bayern 2020. Es gibt Dekaden der Erneuerung und des Wandels. Organisationen wie die UNO, die EU oder Zusammenschlüsse von Kirchen proklamieren auch gerne Dekaden, wobei diese Zeiträume nicht immer ein kalendarisches Jahrzehnt umfassen müssen: So stehen wir in der Dekade des Wassers und der Dekade der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Mit dem Jahreswechsel ist die UN-Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt ohne nachhaltigen Erfolg zu Ende gegangen. Hoffen wir nicht ganz spurlos, obwohl auch die Dekade des Gehirns erkennbar keine tiefen Spuren hinterlassen hat.

Mein Chef, der Bürgermeister, neigt ja nicht dazu, einfach zu kopieren. Trotzdem will er mit dem Schwung des neuen Jahrzehnts nach der Weihnachtspause starten. Er formuliert an einem Aktionsprogramm „Stadt 2022“. Ganz so sklavisch will er also der Dekade nicht folgen und nimmt das Dutzend - schließlich ist die 12 auch eine heilige Zahl. Und zur Unterstützung lege ich meinem Chef das heutige Kalenderblatt mit der Erkenntnis des Erfinders Charles F. Kettering hin: „Wenn du etwas machst, wie du es seit zehn Jahren gemacht hast, dann sind die Chancen groß, dass du es falsch machst.“

(GZ-1/2-10)

sabrina_unterschrift.jpg

 
 

GZ - Kolumne

Stefan Rößle
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