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Gestern hat mein Chef gesagt ...
„Tja, da bewahrheitet sich halt wieder meine alte These, dass nichts schlimmer ist, als die Menschen durch zuviel Vorsorge in falsche Sicherheit zu wiegen, statt ihnen möglichst dasGefühl der unfassenden Verantwortung zu geben.“ Mein Chef, der Bürgermeister, gab mir einen Zeitungsartikel, der sichmit dem Verhalten von Arbeitnehmern an Online-Arbeitsplätzen befasst.
Dort wurde eine Umfrage zitiert, wonach 76 Prozent der Arbeitnehmer mit Mailzugang auf dem Dienstrechner eher verdächtige eMails öffnen würden, als auf dem privaten PC. Ebenso verkneifen sich drei Viertel der Befragten am heimischen Computer den Klick auf unbekannte Internet-Links, die sie am Arbeitsplatz aber durchaus ausprobieren. Nach den Gründen für dieses Kamikaze-Verhalten befragt, antworten die meisten Befragten, in der Firma oder der Behörde gebe es ja eine EDV Abteilung oder sonstige Spezialisten, die bei einem etwaigen Absturz zu Hilfe eilen und die Sache grade biegen könnten, während man zu Hause völlig auf sich gestellt sei, wenn der Computer ins Trudeln gerät.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik geht von einem jährlichen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe durch diese präpubertäre Einstellung aus. Denn man muss sich schon ein sehr kindliches Gemüt bewahrt haben, wenn man glaubt, dass die ITFreaks im Büro so etwas wie der große Bruder oder die patente Mama sind, die jedenMist, den man so baut mit Leichtigkeit aus der Welt schaffen können. Die Kameraden, die so drauf sind, sollten sichmal vor ihr geistiges Auge schalten, was für eine Schweinearbeit es ist, einen Virus in einem Netzwerk dingfest zu machen und wie viel es kostet, Schäden in komplexen IT-Systemen zu beseitigen.
Aber bei vielen Leuten kommt halt immer wieder der alte Adam durch: Sind sie nicht in letzter Konsequenz verantwortlich für ihr Tun, sondern gibt es noch jemand anderen, den man rufen kann um eine Scharte auszuwetzen, dann wird man risikobereiter, tollkühner und dämlicher, als wenn man mit den Folgen seiner Handlungen immer alleine fertig werden müsste.
Was ist zu tun? Einen kenne ich, der ein Patentrezept parat hätte - den Gott sei Dank in Pension gegangenen früheren Leiter unserer Inneren Dienste, der empfehlen würde: Abschalten, Streichen, Verbieten. Der hat es nämlich schon gar nicht eingesehen, dass alle einen Computer haben müssen, viel weniger noch einen Internet-Anschluss. Aber das ist natürlich Quatsch. Internet und eMail gehören heute dazu wie Telefon und Fax. Ebenso wenig kann man das private surfen oder mailen verbieten, weil das keinMensch kontrollieren kann. Drohkulissen aufbauen, mit Regress bei Missbrauch schrecken oder disziplinarische Konsequenzen androhen ist ein zweischneidiges Schwert. Erstens wissen alle, dass ein eingeschleppter Virus für sie nicht ohne Folgen bleibt und zweitens ist man bei der Fehlersuche ja immer auf das „Geständnis“ und die Mithilfe des Übeltäters angewiesen. Zuviel Abschreckung, die zu Schweigen oder Vertuschung führt, kann da den Schaden erhöhen.
Mein Chef, der Bürgermeister, sieht die Sache grundsätzlicher. Für ihn liegt der Schlüssel darin, den Mitarbeitern immer wieder zu vermitteln, dass es zum Gelingen des Unternehmens „Stadt“ auf den Einsatz, die Sorgfalt und die Verantwortungsbereitschaft jedes einzelnen ankommt. Jeder sollte stets so handeln, als ob es niemand gäbe, der korrigieren oder Fehler ausmerzen könnte. Ein solcher „kategorischer Imperativ“ à la Bürgermeister spart ja nicht nur bei der EDV-Nutzung einen Haufen Geld, sondern kann die Abläufe überall optimieren und reibungsloser machen. Arbeiten wir daran, dem gerecht zu werden und behalten wir den Ausspruch von Michelangelo auf dem heutigen Kalenderblatt im Gedächtnis: „Mit all der Mühe, mit der wir manche unserer Fehler verbergen, könnten wir sie uns leicht abgewöhnen“. (GZ-04-06)
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