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Vom „Modell der kurzfristigen Reaktion“ zum „Modell der vorausschauenden
Gestaltung“ in der Kommunalentwicklung
Von Ralf K. Stappen
Der demographische Wandel zeigt heute schon erste Wirkungen.
Viele Schulen und Kindergärten, manche erst vor Jahren gebaut
oder vollsaniert, stehen heute vor der Schließung - wegen Kindermangels.
Viele Kommunalpolitiker und auch Bürger fragen sich
heute ob man diese Investitionen nicht hätte vermeiden können
und wie sie heute ihre Gemeinde qualifiziert auf die Zukunft vorbereiten
können. Das Modellprojekt „Miteinander Zukunft gestalten“
( www.zukunft-buttenwiesen.de ) der Gemeinde Buttenwiesen
ist ein Weg, wie man die Herausforderung meistern kann.
Die wirtschaftstarke Gemeinde
Buttenwiesen mit 6.048 Einwohnern
war schon unter Bürgermeister
Leo Schrell weit über
die schwäbischen Grenzen, als
Kommune, die mutig neue Wege
betritt, bekannt. Auch mit dem
Leitbildprozess der Gemeinde,
der als Modellprojekt vom Freistaat
Bayern (StMUGV) gefördert
wurde, betritt man Neuland.
Die Einheitsgemeinde Buttenwiesen
entstand im Zuge der Gebietsreform
1978 aus sieben
selbstständigen Einzelgemeinden.
Das Zusammenwachsen der
ehemaligen Einzelgemeinden ist
bis heute noch nicht abgeschlossen
- was sich schon daran zeigt,
dass jeder Ortseil bis heute eine
eigene Feuerwehr „haben muss“.
Veränderungen
Auch Buttenwiesen bleibt vor
den Veränderungen der Zukunft
nicht verschont. Lange Wachstumsgemeinde,
wird sich die
Bevölkerungsentwicklung nach
dem Demographiebericht der
Bertelsmann Stiftung von 2003
bis 2020 auf 0.1 % plus (Landkreis
Dillingen 5 % plus) einpendeln;
nach 2020 zeichnet sich sogar
ein Abwärtstrend ab.
Große Veränderungen wird es
in der Altersstruktur geben, die
wie in vielen anderen Kommunen
auch, erhebliche Auswirkungen
auf das Einkommensteueraufkommen
haben wird. Die
Gruppe der 0- bis 5-Jährigen
wird z.B. von 2003 bis 2020 um
25 % abnehmen und die der über
80-jährigen um 50 Prozent zunehmen.
Gravierend ist das Abwandern
junger Leistungsträger
durch eine negative Bildungsabwanderung.
Ein weiteres großes Gebiet ist
der Klimawandel, der sich z. B.
erheblich auf den Wasserhaushalt
auswirken wird. Was kann
eine Gemeinde hiergegen tun?
Vorbereiten auf neue
Herausforderungen
Auf Initiative von Bürgermeister
Norbert Beutmüller sollte
ein Weg gefunden werden,
wie sich Buttenwiesen auf die
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
vorbereiten kann. Aufgrund
der selbstständigen Ortsstrukturen
wäre ein Kommunalentwicklungsprozess
mit breiter
Bürgerbeteiligung, allein auf der
Gemeindeebene schwierig. So
musste über völlig neue Wege
nachgedacht werden, woraus
sich dann das Modellprojekt entwickelte.
Starthilfe gab hier auch
ein Vortrag von Bürgermeister
Albert Höchstetter von der Gemeinde
Barbing.
Klausurtagung
des Gemeinderats
Der neue Weg und das Fundament
wurde in einer Klausurtagung
des Gemeinderats im Frühjahr
2005 entwickelt. Die Entwicklung
des Leitbilds sollte im
„Gegenstromverfahren“ mit dem
erfolgreichen Ping-Pong-Konzept
erfolgen. Durch eine ausgewogene
Beteiligung von Gemeinderat,
Bürgermeister, Verwaltung
(top-down), Bürgern,
Unternehmen und örtlichen Organisationen
(bottom-up), sowie
zwischen und innerhalb der Orte
sollten das Gemeindeleitbild und
die Dorfleitbilder entwickelt
werden. Die Federführung und
die Letztverantwortung lag dabei
beim Gemeinderat und dem Bürgermeister.
Doppellösung
Erstmals in Bayern und vielleicht
sogar in Deutschland, wurde
die Gemeindeentwicklung
mit einer gleichzeitigen Dorfentwicklung
aller Ortsteile verbunden.
Dies war ein ungewöhnlicher
und mutiger Schritt des Gemeinderats
und des Bürgermeisters.
Im Prinzip ist eine solche
„Doppellösung“ für jede Gemeinde,
die aus der Gebietsreform
entstanden ist und bis heute
noch nicht ganz zusammengewachsen
ist, ein guter Weg.
Ideenwerkstatt
Betreut wurde das Modellprojekt
„Miteinander Zukunft gestalten“
vom Transferprogramm
Kommunale Zukunftsfähigkeit
( www.transfer21.de ), das im
Auftrag des StMUGV entwickelt
wurde, sowie auf der
Ortsebene von erde - eigenständige
Regional- und Dorfentwicklung
e.V. (Internet: www.erde-bayern.de ). Für jeden Ortteil
wurden drei Veranstaltungen
durchgeführt. Gestartet wurde
jeweils mit einer Ideenwerkstatt
im Dorf, wo auch ein Arbeitskreis
für die Dorfentwicklung
gegründet wurde. Höhepunkt
des Leitbildprozesses war ein
gemeinsamer Zukunftstag in der
Riedblickhalle, wo die sieben
Arbeitskreise der Ortsteile (mit
93 Mitgliedern) intensiv ihre
Dorfleitbilder entwickelten und
gemeinsam Bausteine für das
Gemeindeleitbild erarbeiteten.
Bürgerbefragung
Bereits am Abend konnten
250 Bürgern die ersten Ergebnisse
vorgestellt wurden. Eine wertvolle
Grundlage für den Zukunftstag
und den Prozess war
die Kleine Bürgerbefragung an
der sich über 360 Bürger beteiligten.
Durch sieben ortsspezifische
Auswertungen und eine Gemeindeauswertung
gab es ein
„gutes Bild“ über die Sorgen,
Bedürfnisse und Ideen der Bürger.
Die Kleine Bürgerbefragung
brachte z.B. für den Ortsteil Lauterbach
zu Tage, dass 96 % der
Befragten Lauterbacher mit der
Wohnqualität zufrieden sind und
sich 97 % in Lauterbach wohl
fühlen. Mit der Situation der Arbeitsplätze
waren 43 % nicht zufrieden,
mit der Situation der
Ausbildungsplätze sogar 63 %.
78 % der Befragten sind mit der
Anbindung an den öffentlichen
Nahverkehr und 68 % mit den
örtlichen Einkaufsmöglichkeiten
nicht zufrieden.
Brennpunkte
Als Brennpunkte wurden vom
Arbeitskreis identifiziert: die Zukunft
Jugend, die Zukunft der
Mobilität, ein fehlender Dorfplatz,
ein fehlender Treffpunkt
für Senioren, ein fehlender Spielplatz,
die Nachfolgenutzung landwirtschaftlicher
Gebäude und
die Ortsbildpflege. Seit der
Schließung des Edeka-Geschäfts
mangelt es an Einkaufsmöglichkeiten.
Eine Metzgerei, eine
Bäckerei, ein Dorfladen, das
wären ebenso Wünsche wie ein
Lokal - Café oder Bistro - in dem
man sich treffen könnte.
Energienautonomie
und
innovative Wohnkonzepte
Der Dorfarbeitskreis setzte
sich intensiv mit der Zukunftsentwicklung
von Lauterbach bis
2025 auseinander. Aufgrund der
hohen Energiepreise, dem Klimawandel
und der damit verbundenen
Abhängigkeit wurde
die Vision einer weitgehenden
Energienautonomie (Erdwärme,
Biogasanlagen, etc.) für Lauterbach
entwickelt.
Ernährung in Zeiten
der Globalisierung
und niedrigerer Renten
Ein weiterer Schwerpunkt war
die Frage wie Lauterbach dem
demographischen Wandel begegnen
kann. Hier wurde die
Idee von innovativen Wohnmöglichkeiten
für Senioren entwickelt,
wozu z.B. leerstehende
Häuser im Ortskern genutzt werden
könnten. Großen Raum
nahm die Stärkung und der Erhalt
des Gemeinsinns und der
Dorfgemeinschaft ein. Die Auswirkungen
der Globalisierung
und die künftig niedrigeren Renten
sollen durch eine „Ernährungsautonomie“
- z.B. durch
die örtliche Produktion von Lebensmitteln
- abgefedert werden.
Als Sofortprojekt wurde die Idee
eines Dorfladens entwickelt, wozu
bereits Planungen, Bedarfsermittlungen
und ein Modell für
eine Dorfträgerschaft erarbeitet
wurden.
Ein abschließender Konsens
über die Ziele und Maßnahmen
wurde auf einen weiteren Dorfabend
jeweils im Ortsteil gefunden.
Das Gemeindeleitbild mit
sieben Dorfleitbildern wurde
nach nur 18 Monaten in einer
großen Veranstaltung am 23.
November 2006 zusammen mit
einem Motivationsvortrag zur
Zukunft im 21. Jahrhundert
durch Franz Alt den Bürgern von
Buttenwiesen vorgestellt.
Umsetzungsphase
Seit Januar 2007 ist der Prozess
in der Umsetzungsphase.
Nun wird es darauf ankommen,
die Ideen und das Leitbild in
Projekte umzusetzen, sowie einzelne
Themen wie den demographischen
Wandel und auch den
Klimawandel zu vertiefen. Hierfür
wird eine qualifizierte Umsetzungs-
und Projektstruktur
aufgebaut und erste Projekte wie
„Betreutes Wohnen“ und ein
„Mehrgenerationshaus“ angegangen.
Beispiel Neumarkt
Dass eine Umsetzungsphase
erfolgreich gelingen kann, zeigt
der mehrfach ausgezeichnete
Kommunalentwicklungsprozess
der Stadt Neumarkt (Modellprojekt
Zukunftsfähiges Neumarkt),
wo nicht nur mit dem Bürgerhaus,
einer Freiwilligenagentur
und der Verzahnung mit dem
Projekt Soziale Stadt eine tragfähige
Umsetzungsstruktur geschaffen
wurde, sondern bereits
über 30 Mikroprojekte mit Bundesfördermitteln
angeschoben
wurden.
Kommunale
Entwicklungsplanung
Was kann aus der Vergangenheit
für die Zukunft der Kommunalentwicklung
gelernt werden ?
Die heutigen demographischen
Veränderungen waren vor zehn
bis 15 Jahren schon absehbar.
Dass hier nicht qualifiziert reagiert
wurde, lag auch daran, dass
sich Deutschland den Luxus leistet,
im Unterschied zu vielen europäischen
Staaten, auf das Instrument
einer gesetzlich verankerten
Kommunalen Entwicklungsplanung
zu verzichten.
In Ostdeutschland hat dieser
Luxus zu milliardenschweren
kommunalen Fehlinvestitionen
(überdimensionierte Kläranlagen,
Infrastruktur, etc.) geführt.
Kein Mensch könnte sich
Deutschland heute ohne die Instrumente
der Bauleitplanung
und der Flächennutzungsplanung
vorstellen - Planungschaos
wäre hier vorprogrammiert.
Als freiwillige Aufgabe war
die Kommunalentwicklung lange
Zeit ein Randthema und wurde
allenfalls im Rahmen der Lokalen
Agenda21-Prozesse als
„Spielwiese“ betrieben, wobei
gerade von einigen Lokalen
Agenda21-Prozessen wichtige Impulse für die Kommunalentwicklung
ausgegangen sind. Ohne
Kommunale Entwicklungsplanung
droht vielen Kommunen
eine Abwärtsspirale.
Demographische
Handlungsempfehlungen
Es wundert nicht, dass die
Bertelsmann-Stiftung jeder Kommune,
in ihren demographischen
Handlungsempfehlungen eine
„Kommunale Entwicklungsplanung“
ans Herz legt. Es zeichnet
sich dabei folgende Erkenntnis
ab: Das heute noch häufig praktizierte
„Modell der kurzfristigen
Reaktion der Kommunalentwicklung“
hat ausgedient und
wird in Zukunft durch das „Modell
der langfristigen und vorrausschauenden
Gestaltung der
Kommunalentwicklung“ abgelöst.
Damit einher geht eine Renaissance
der „Neuen Kommunalen
Entwicklungsplanung“,
die nicht einer ausufernden Planungsbürokratie
der 60er und
70er Jahre des 20.Jahrunderts
verpflichtet ist, sondern einem
„Good Governance“-Ansatz mit
einer breiten und qualifizierten
Bürger- und Akteursbeteiligung,
dem Nachhaltigkeitsprinzip und
einer strategischen Orientierung.
In der Praxis wird diese zu einer
besseren, bürgernäheren
und zukunftsfähigen Kommunalpolitik
führen. Die Zukunftsfähigkeit
der bayerischen Kommunen
steht und fällt mit der
Verankerung einer vorrauschauenden
Gestaltung. Um den Verankerungsprozess
zu beschleunigen
muss über die Schaffung
von neuen Rahmenbedingungen
und wirksamen Anreizsystemen
intensiv nachgedacht
werden. (GZ-03-07)
Unser Autor:
Ralf K. Stappen war bis
zum Jahr 2000 wissenschaftlicher
Mitarbeiter der Wirtschaftswissenschaftlichen
Fakultät
der Katholischen Universität
Eichstätt-Ingolstadt.
Seit über zehn Jahren ist er in
der Kommunalentwicklung
und Kommunalberatung tätig.
Er ist Geschäftsführer der
SP Group Beratungsagentur
( www.sp-group.de ) und Leiter
des Transferprogramms
Kommunale Zukunftsfähigkeit
(www.transfer21.de ), das
im Auftrag des Freistaats Bayern
(StMUGV) entwickelt
wurde. R. K. Stappen leitete
die Modellprojekte „Visionen
für Ingolstadt“ der Stadt Ingolstadt,
„Zukunftsfähiges
Neumarkt“ der Stadt Neumarkt
und „Miteinander Zukunft
gestalten“ der Gemeinde
Buttenwiesen und betreut
erfolgreich Leitbildprozesse
wie z. B. von Markt Pleinfeld
in Bayern. Kontakt:
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