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Wie sieht die Zukunft der Pflege aus?
GZ-20-2013
Donnerstag, den 24. Oktober 2013 um 11:06 Uhr

Pflege-Symposium der Versicherungskammer Bayern zeigte Lösungsansätze auf GZ-Gespräch
mit Dr. Harald Benzing (VKB) und Prof. Dr.-Ing. Lothar Koppers (Institut AGIRA)

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GZ-Chefredakteurin Anne-Marie von Hassel gemeinsam mit Dr. Harald Benzing (VKB, rechts)
und Prof. Dr.-Ing. Lothar Koppers (Institut AGIRA)

 
Immer mehr Menschen sind auf Pflegeleistungen angewiesen. Ihre Zahl wird von heute rund 2,3 Millionen bis zum Jahr 2030 auf 3,4 Millionen steigen, bis 2050 sogar auf über 4,5 Millionen Menschen. Diese Entwicklung fordert innovative und zukunftsfähige Lösungen zur Pflegepraxis und vorsorge sowie deren Finanzierung. Die Versicherungskammer Bayern sieht sich hier ür mit ihrer führenden Marktposition bei der Pflegeabsicherung als treibende Kraft und rief deshalb heuer das Pflege-Symposium ins Leben.  

Gemeinsam mit namhaften Referenten aus Wissenschaft und Wirtschaft wurden unter anderem die Themen demografischer Wandel sowie zukünftige Herausforderungen für Versicherer und Kommunen eingehend diskutiert. Im Gespräch mit GZ-Chefredakteurin Anne- Marie von Hassel zeigten die Referenten Dr. Harald Benzing, Mitglied des Vorstands der Versicherungskammer Bayern, sowie Prof. Dr.-Ing. Lothar Koppers, Direktor des Instituts für angewandte Geoinformatik und Raumanalysen e.V. (Institut AGIRA), Lösungsansätze und Handlungsoptionen auf.

Symptome in den Infrastrukturen Bevölkerungszahl, Altersstruktur, Migration, Familienbild oder Geschlechtersymmetrie sind nach Darstellung von Prof. Koppers nur wenige Stichworte, die beschreiben, mit welchen demografischen Veränderungen die zukünftige Gesellschaft zu rechnen hat. Diese Entwicklungen verursachten diverse Symptome in den kommunalen Infrastrukturen, so auch in der Pflege. Wie die AGIRA-Studie „Zukunftsfähige Gesundheitsinfrastrukturen für Bayern“ nachweist, sind Auswirkungen bei weitem nicht auf die häufig etwas belächelten demografischen „Verlierer“ im Freistaat beschränkt. Auch in Regionen mit erheblichen Wanderungsgewinnen sind bereits heute Folgen erkennbar. Der Hauptgrund liegt in der Verschiebung der Altersstruktur.

Bevölkerungsverluste

In allen Untersuchungsgebieten (Amberg, Amberg-Sulzbach, Ebersberg, Stadt und Landkreis Hof, Kempten, Main- Spessart, Nürnberger Land, Oberallgäu, Regen) sind in den Altersgruppen der 65-Jährigen und Älteren bis 2030 Anstiege zu verzeichnen. Zudem nimmt einzig im Landkreis Ebersberg die Gesamtbevölkerung zu. Im Landkreis Oberallgäu und der kreisfreien Stadt Kempten bleiben die Einwohnerzahlen konstant. In allen anderen Untersuchungsregionen müssen starke bis sehr starke Bevölkerungsverluste verkraftet werden. Aufgrund der zukünftigen Altersstruktur werden die Bedarfe an hausärztlichen Leistungen bis 2030 in den Untersuchungsregionen steigen. Einzig im Landkreis und der Stadt Hof bleiben die Zahlen stabil, während sich für die Landkreise Ebersberg und Oberallgäu erhebliche Veränderungen ergeben.

Pflegekräfte sind rar

Die demografische Entwicklung in Bayern hat auch Auswirkungen auf die Zahl verfügbarer Mitarbeiter im Pflegesektor. Gerade im Münchner Umland seien Pflegekräfte rar, berichtete Koppers. Es existiere ein hoher Personaldruck, die Entwicklung sei insgesamt dramatisch. „Unweigerlich wird dies zu Versorgungslücken führen“, prognostizierte der Institutsleiter. Spätestens beim Thema Pflege wird klar, dass der demografische Wandel für Betroffene und deren Angehörige eine erhebliche finanzielle Belastung bedeuten kann, erläuterte Dr. Harald Benzing, Mitglied des Vorstands der Versicherungskammer Bayern.Betrachte man sich die Pflegekosten im Alter, so müssten für Männer etwa 42.000 Euro über die gesamte Pflegedauer aufgewendet werden, für Frauen dagegen 84.000 Euro.

Faustregel

Diese weitaus höheren Kosten hingen damit zusammen, dass Frauen in aller Regel älter würden, entsprechend länger pflegebedürftig seien und häufig stationär behandelt würden. Bei Männern liege die Pflegewahrscheinlichkeit bei 50 %, bei Frauen betrage sie 75 %. Mit zunehmendem Alter nehme sie rapide zu. „Als grobe Faustregel gilt: Die Pflegewahrscheinlichkeit verdoppelt sich ab einem Alter von 75 Jahren circa alle fünf Jahre“, so Benzing. Da die gesetzliche Pflegeversicherung nur etwa 50 % der anfallenden Kosten abdeckt, wird seit 2013 die private Pflegevorsorge staatlich gefördert. Mit dem sogenannten Pflege-Bahr hat der Staat Benzing zufolge einen günstigen Einstieg in die private Pflegezusatzversicherung ermöglicht. Damit sei zudem ein Bewusstsein für die Dringlichkeit privater Vorsorge geschaffen worden. Negativ zu bewerten sei, dass im Normalfall Förderung und Beiträge nicht ausreichen, um Versorgungslücken vollständig zu schließen.

Pflegezusatzversicherung

Hier nun knüpft die Versicherungskammer Bayern mit ihrem Angebot einer Pflegezusatzversicherung an, die einen zusätzlichen monatlichen Rentenbetrag bzw. ein Tagegeld absichert. Diese Risikoversicherung mit vergleichsweise günstigen Beiträgen stellt laut Benzing „eine vernünftige, kalkulierbare Möglichkeit dar, den eigenen Anteil in der sozialen Pflegeversicherung zu finanzieren“. Je früher damit begonnen werde, umso günstiger sei die Pflegeabsicherung. „Am Ende ist dies eben auch ein Teil Vermögensschutz“, konstatierte der VKB-Vorstand und ergänzte: "Wir bieten eine gute Pflegeberatung an und entlasten die oftmals völlig überforderten Angehörigen bei der Antragstellung. Auch geben wir unter anderem Empfehlungen zu pflegenahen Einrichtungen.“

Apropos Infrastruktur: Nach Prof. Koppers' Ansicht sollte beim Thema Immobiliennach- folge das Modell des Austragshauses in eine neue Form gegossen werden. Hintergrund sei, dass Familien zunehmend voneinander entfernt leben und ältere Leute zum Teil große Häuser in monostrukturellen Siedlungen allein bewohnen und auch zu bewirtschaften haben. Dem Austragshaus-Thema kommt laut Koppers der Umstand zugute, dass Ortskerne mit älterer Bausubstanz zunehmend veröden. Stellten die Ortszentren früher die Versorgungsschwerpunkte dar, verlagerten sich diese immer stärker an die Ortsränder. „Hier könnten ersatzweise entsprechende Wohnungsmöglichkeiten für Ältere mit variabel angeschlossenen Unterstützungsmöglichkeiten, sprich der langsam zuschaltbaren Pflege, Eingang finden“, machte Koppers deutlich. „Und wenn wir dann noch entsprechende wirtschaftliche Möglichkeiten schaffen, dass sich die Menschen mit Waren des täglichen Bedarfs selbst versorgen können, kann das dazu führen, dass solche Orte eine gewisse Wiederbelebung erfahren“, betonte der Direktor.

Bei derartigen Modellen verhielten sich die meisten Kommunen freilich noch sehr zögerlich, räumte Koppers ein. Immerhin sei man in Wunsiedel gerade dabei, „den Stadtkern neuer zu denken“. Man sei dort durchaus daran interessiert, auch Finanzkräfte von außen für entsprechende Projekte zu gewinnen. „Das Konzept muss stimmen und entsprechend nachgewiesen werden. Tragfähigkeit ist für die Investoren enorm wichtig. Interkommunales Denken heißt das Zauberwort“, stellte Koppers fest.

Qualität und Erreichbarkeit

Insgesamt sind in der Ärzte- und Pflegeversorgung in den nächsten Jahren Veränderungen in Organisation, Struktur und Denkhaltungen nötig. Im Vorder- grund steht die Aufrechterhaltung der Qualität und Erreichbarkeit der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum. „Wir als private Krankenversicherung sorgen dafür, dass sich Landpraxen noch vernünftig finanzieren können. Ohne private Krankenversicherung hätten wir eine deutlich stärkere Landflucht der Ärzte", hob Harald Benzing hervor und verdeutlichte: „Wir sichern somit vor Ort eine gute Versorgung. Durch die Zusammenarbeit mit kommunalen und privaten Krankenhäusern gewährleisten wir zudem eine gute stationäre Versorgung in der Fläche.“

Konzepte testen

„Die Entwicklungen neuer Versorgungsmodelle innerhalb des Gesundheitssystems sind unumgänglich, um die medizinische und pflegerische Versorgung sicherzustellen. Diese Konzepte müssen allerdings zuerst in Modellprojekten getestet und auf die jeweilige Region spezifisch ausgerichtet werden", bilanzierte Koppers. Seiner Auffassung nach könnte ein Pflege-Monitoring als Teil eines seniorenpolitischen Gesamtkonzepts zuverlässige kleinräumige Daten zum Pflegearbeitsmarkt, zum Beschäftigungsstand und zu künftigen Entwicklungen gene- rieren. „Pflege als Chance für Ortschaften": Auch dieser Aspekt sollte nicht außer Acht gelassen werden.

DK (GZ-20-2013)

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