Home - Neues von Sabrina - GZ-09-2012 - Neue Form der Breitendiskussion
Neue Form der Breitendiskussion
GZ-09-2012
Mittwoch, den 25. April 2012 um 02:00 Uhr

sabrina.jpgGestern hat mein Chef gesagt ...

„Sabrina, ich brauche mal Ihre Hilfe. Da kündigt mir ein E-Mailschreiber einen „shitstorm“ an, wenn ich nicht von meinem Plan abrücke, die Wartebereiche im Einwohnermeldeamt zur handyfreien Zone zu erklären. Können Sie
mir sagen, was das für eine Schweinerei werden soll?“ Mein Chef, der Bürgermeister, hatte diesen neuen Polit-Begriff sicher schon mal gehört, wusste aber wenig damit anzufangen.


Dabei wurde „shitstorm“ zum Anglizismus des Jahres 2011 gewählt und ist nebenbei ein schönes Beispiel dafür, warum man seine Sprache offen für Neues halten sollte. Denn es ist verflixt schwer, das Phänomen als solches auf einen kurzen Nenner zu bringen oder gar das S-Wort in stubenreines Deutsch zu übersetzen. Im Kern geht es um eine Welle der Empörung und Entrüstung, die ausgehend von einem Einzelnen oder jedenfalls einer eher kleinen Anzahl von Leuten durchs Internet geht und von einer stetig wachsenden Zahl von Usern getragen und genährt wird, wobei sich Sachargumente mit Beleidigungen und Bedrohungen mischen, bis im Extremfall nur noch die Beleidigung übrig bleibt und man regelrecht „shit“ über sich in einer ungeheuren Menge im Netz, in E-Mailpostfächern oder auf Accounts der sozialen Netzwerke findet.

Ich versuche, es dem Chef an einem Beispiel zu verdeutlichen. Angenommen, ein Kommunalpolitiker würde die Aussage treffen: Die Tauben im Stadtpark sollten vergiftet werden. Er macht diese Meinung öffentlich und sie wird verbreitet, etwa über Facebook und/oder Twitter. Damit verbreitet sie sich rasend schnell, denn eine solche Nachricht kann zeitgleich eine beliebig große Menge von Nutzern erreichen. Und so ist es eben auch mit den Reaktionen. Die erste Reaktion erreicht ja in der Regel nicht nur den Sender der Nachricht, sondern kann ebenso an beliebig viele Adressen gehen, deren Besitzer – soweit sie das Thema interessiert – dann ihre Meinung, etwa in Form von Missfallensäußerungen ebenso in das weltumspannende Kommunikationsnetz einspeisen. Wenn es eine große Zahl von Leuten interessiert oder wenn die Reaktionen (je deftiger, je mehr Aufmerksamkeit ist sicher) wieder ihrerseits das Interesse auf sich ziehen, breitet sich so etwas wellen- oder eben sturmartig aus – dann ist dem shitstorm kaum Einhalt zu gebieten. Man kann dann von Leuten lesen, die sich mit den Gefahren von Giften befassen, radikale Tierschützer twittern „Mörder“ und gläubige Buddhisten geben zu bedenken, dass eine geliebte Tante als Taube wiedergeboren werden könnte.

Tatsächlich hat hier das Internet nur eine angelsächsische Tradition aufgenommen und sie in die Zeit der elektronischen Breitenkommunikation übersetzt: Die Leserbriefschlacht. Im 19. und beginnenden 20 Jahrhundert tobten in den britischen Qualitätszeitungen teilweise langwierige, unerbittliche Leserbriefkontroversen um mal wichtige, mal abseitige Themen, die auch ihre eigenen Eskalationsgesetze hatten. Allerdings legten damals die Leserbriefschreiber in der Regel einen gehörigen Ehrgeiz daran, sorgfältig treffende Argumente zu wählen und stilistisch elegante, ja oftmals literarische Briefe zu formulieren. Was heutzutage gemailt, gepostet und getwittert wird, verdient leider oftmals höchstens die Bezeichnung „hingerotzt“.

Mein Chef, der Bürgermeister, will sich durch den angedrohten shitstorm nicht von seiner Linie abbringen lassen. Viel Feind viel Ehr’? Nein, er ist schlicht von der Richtigkeit seines Vorschlags überzeugt und denkt, dieser wird dem Sturm widerstehen, weil es auch für eingefleischte Nerds erholsam sein mag, mal zehn Minuten ohne Smartphonebenutzung auskommen zu müssen. Eingedenk des unappetitlichen Wortes, das für die neue Form der Breitendiskussion erfunden wurde, maile ich ihm ein elektronisches Kalenderblatt mit dem Verdikt des Geschichtsphilosophen Eric Voegelin: „Wenn etwas charakteristisch für Ideologen und ideologische Denker ist, dann die Zerstörung der Sprache; manchmal auf dem Niveau eines hoch komplizierten intellektuellen Jargons, manchmal auf der Ebene der Vulgarität.“

sabrina_unterschrift.jpg

 

 

 

(GZ-09-2012)

 

GZ-Newsletter

GZ - Kolumne

Stefan Rößle:
Zukunftsperspektive Tourismus >>

Die GZ bei ...

facebook2
youtube
gz-aktuell
gz-google_plus

GZ-Sonderbeilagen PDF-Downloads:

  • Bayerischer Sparkassentag 2014: Sonderdruck der GZ >>
  • GZ-Fachtagung 2014: Wasser. Kraft. Bayern. 20-seitiger Sonderdruck der GZ >>
  • Energetische Gebaeudesanierung: 8-seitiges Spezial zum Thema "Wachstumsmarkt Energetische Gebäudesanierung" >>
  • Weitere Sonderdrucke der GZ finden Sie hier >>

GZ-Archiv

Das GZ Online-Archiv umfasst mehr als 200 Online-Ausgaben und Downloads der Bayerischen Gemeindezeitung aus über 10 Jahrgängen.
>> Zum Archiv


spacer.png, 0 kB
spacer.png, 0 kB