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Stresstest für Politiker
GZ-01/02-2012
Mittwoch, den 18. Januar 2012 um 01:00 Uhr

sabrina.jpgGestern hat mein Chef gesagt ...

„Wer hätte gedacht, dass Stresstests auch für praktisch unbegrenzte Zeit auf Politiker und hohe Repräsentanten des Staates angewendet werden können.” Mein Chef, der Bürgermeister, schüttelte den Kopf angesichts der immer noch laufenden Diskussion um den Bundespräsidenten.


Stresstest ist ja das Wort des Jahres 2011 und steht für den Versuch, mittels einer Akkumulation von negativen Einflüssen auf ein System abschätzen zu können, wann es zusammenbricht. Also denkt man sich etwa für Kernkraftwerke oder sensible Chemie-Anlagen Gefährdungen aus und schaut, ob das Werk diese abfedern könnte. Wenn es dann einen simulierten Flugzeugabsturz überstanden hat, der durch einen angenommenen Mega-Orkan verursacht wurde, der wiederum zeitgleich mit einem denkbaren Erdbeben der Stärke 8,9 aufkam, dann gilt der Stresstest als bestanden und der zwanghafte Ruf nach sofortigem Abschalten weicht einer zu verantwortenden Restlaufzeit von fünf Jahren, bevor die Lichter ausgehen.

So wird halt heute vieles auf Stress-Resistenz geprüft. Banken müssen beweisen, dass ihre Anlagen noch ausreichend werthaltig sind, wenn Griechenland statt dem Euro den chinesischen Yuan als Währung einführt, die Ölvorkommen Saudi-Arabiens auf einen Schlag versiegen und Liechtenstein die Zahlungsunfähigkeit meldet. Geplante und bestehende Bahnhöfe werden daraufhin getestet, ob sie es verkraften würden, wenn der Zugverkehr an einem Tag durchgehend pünktlich abgewickelt würde (zugegeben, von den bisherig skizzierten Szenarien das Unwahrscheinlichste). In der Logik dieser Entwicklung liegt es also allemal, dass jetzt mal geschaut wird, welche Belastungen so ein Amt wie das des Bundespräsidenten aushält und mit ihm die Bevölkerung des Landes, die infolge der weltweiten Staatsschuldenkrise aufs Neue lernen muss, dass Deutschland nicht immer nur im Geleitzug der europäischen Politik fahren kann, sondern Führung übernehmen muss und dies eine ganze Menge Verantwortung bedeutet.

In dieser Situation diskutiert das Land also nicht über seine Rolle in der Welt, nicht über volkswirtschaftliche Fragen im Zusammenhang mit der gemeinsamen Währung, nicht über die Aufgaben von Notenbanken, nicht über die Interessenverflechtung von Ratingagenturen mit Investoren, nicht über die Schlüsse, die aus der Krise für die eigene zukünftige Haushaltspolitik zu ziehen ist. Nein, wir diskutieren über Kleider der First Lady, Urlaubsflüge mit Upgrades, Übernachtungen bei Privatleuten und jetzt sogar, wann und bei welcher Gelegenheit Christian Wulff als Privatmann oder Abgeordneter oder Ministerpräsident beim Essen war und was er dabei von sich gegeben hat, wenn man Ehrengast ist und höflich sein will.

Wir haben zwischen den Jahren Abhandlungen zu lesen bekommen, wann unter welchen Umständen welche Entschuldigung glaubwürdig ist, wir diskutierten, ob der Bundespräsident, wenn es um ihn geht, „man“ statt „ich“ sagen darf, ob man dem Nachbarn 150 Euro geben muss, wenn man in der Sylvesternacht den Rausch bei ihm ausgeschlafen hat, weil man es nicht mehr bis nach Hause geschafft hat und ob Burgwedel als Immobilienstandort wirklich attraktiv ist. Eine Frage wurde aber noch nicht gestellt: Wollen wir als Politiker und Repräsentanten des Staates Menschen mit ihren Fehlern, Widersprüchen und - was unabdingbar dazugehört - Schwächen oder wollen wir uns demnächst von Heiligen und Asketen regieren lassen, die sich mehr damit beschäftigen, Versuchungen aus dem Weg zu gehen, als das Land nach vorne zu bringen?

Mein Chef, der Bürgermeister, zieht aus dem Rummel um den Bundespräsidenten vor allem den Schluss, dass man die Wahrheit nicht mit einem Käse verwechseln darf, den man nur in Scheiben genießen kann. Die Wahrheit muss immer am Stück auf den Tisch. Und er setzt mit Paul Claudel und dem heutigen Kalenderblatt auf eine einfache Wahrheit: „Nichts kann den Menschen mehr stärken, als das Vertrauen, das man ihm entgegen bringt.“

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(GZ-01/02-2012)

 

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