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Gestern hat mein Chef gesagt ...
„Frühling lässt sein blaues Band...“ Mein Chef, der Bürgermeister, kommt in letzter Zeit immer öfter beschwingt und guter Laune ins Büro und gibt dann auch schon mal etwas von den Rudimenten seiner poetischen Halbbildung zum Besten.
Ist ja auch kein Wunder, denn der lange, kalte Winter hat doch bei uns allen an den Nerven gezehrt und auf dem Gemüt gelastet. Gut, das Frühjahr war bisher auch nicht gerade umwerfend.
Ostern ging nur deshalb als wettermäßig annehmbar durch, weil die Wettervorhersagen noch schlechter als das tatsächliche Wetter waren. Und auch danach immer wieder diese elenden Regentage. Aber da wir nicht mehr verwöhnt sind, geben wir uns auch mit der gegenwärtigen kleinen Münze zufrieden. Ab und zu mit dem Fahrrad zum Dienst fahren können. Die ersten Espressi im Straßencafé. Und natürlich das neue frische Grün der Blätter, die Farben der Blumen und Blüten überall.
Das ist ja der eigentliche Knüller des Frühlings: Aus dem Grau des November und dem Weiß des Winters zaubert er im Nu eine Farbpalette, die von Michelangelo bis Leonardo jeden Maler blass aussehen lässt. Und die Kraft des einmal entfesselten Wachstums ist jedes Jahr aufs Neue staunenswert. Heuer ist die Vegetation doch bestimmt zwei oder drei Wochen hinten dran imVergleich zu früher. Trotzdem ist das Gras auf Wiesen, die vor Ostern noch mehr braun als grün waren, jetzt schon so hoch, dass ein erstes Mähen fällig wäre.
Hohe Zeit und Großkampftage für die städtischen Gärtner, die die Stadt in den Anlagen, Parks und Pflanztrögen wieder so richtig toll herausputzen. Die verstehen es, aus einer Verkehrsinsel einen Blickfang zu machen, aus einem schmalen Handtuch städtischen Grüns die Ahnung einer Bauernwiese zu zaubern und sie setzen in den Plattensee der Fußgängerzone Inseln der Farbpracht und Harmonie. Los gings mit den robusten Narzissen und farbenfrohen Tulpen. Die Rosenstöcke wurden fachgerecht geschnitten, damit sie bald wieder treiben. Und ich hoffe sehr, dass im Innenhof des Rathauses auch heuer wieder prächtige Sonnenblumen den Triumph der Natur über das eintönige Asphaltgrau verkünden werden.
Natürlich gibt es auch bei uns Leute, die fragen, warum die Stadt, die für sonst kaum etwas Geld übrig hat, ausgerechnet den Gänseblümcheningenieuren vom Gartenbau jedes Jahr die Möglichkeit gibt, sich auszutoben. Für mich ist, ganz ehrlich, der Blumenschmuck die falscheste Stelle zu sparen. Nicht umsonst hat jeder zu Hause und im Büromehr oder weniger üppigen Pflanzenschmuck. Weil halt Menschen Pflanzen umsich wie die Luft zumAtmen brauchen. Und ausschließlich hart gesottene Geizhälse behaupten, nur Männer mit schlechtem Gewissen würden Blumen verschenken. Erfahrene Latin-Lover, solide Ehemänner und nette Chefs wissen, dass kaum etwas eine Frau mehr freut als ein hübscher Strauß ab und zu.
Mein Chef, der Bürgermeister, legt sehr viel Wert auf eine grüne Stadt und sorgfältige Anpflanzungen. Für ihn sind das Parameter der Lebensqualität und des Sich-Wohlfühlens im Städtchen. Übrigens durchaus auch im Sinne eines Marketinginstruments, denn ob Besucher, Einkäufer aus dem Umland, potentielle Investoren oder Zuzügler: Nichts nimmt mehr für eine Stadt ein, als ein freundliches, buntes, blühendes Erscheinungsbild. Auf dem Kalenderblatt steht heute übrigens ein Spruch des Dichters Emanuel Geibel, der vielleicht sogar meinem vor Aktivität und Tatkraft strotzenden Chef ein Lächeln entlocken wird: „Frühling ist die schöne Jahreszeit, in der der Winterschlaf aufhört und die Frühjahrsmüdigkeit beginnt.“
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